Überm Regenbogen werden die Träume wahr

In Greiz ist der 28. Theaterherbst eröffnet worden. Das Publikum war dabei in der Alten Papierfabrik bewegt und in Bewegung.

Greiz.

Da steht er. Oben auf dem Plastiktank. Ein Mann (Robert Riedel) mit Hut und gestreiftem Bademantel. Die Besucher, die eben die Rampe an der Alten Papierfabrik in Greiz erklommen haben, herrscht er an: "Hier suchen Sie etwas? Aber hier ist noch nie etwas gewesen!" Anders als in Lederhose an der A 9, wo ein österreichischer Investor "ein Feriendorf für Lederhosen" baue. Aber hier finde man nichts.

So begann am Freitagabend die Eröffnungsinszenierung "Raum der Wünsche" des 28. Greizer Theaterherbstes. Regisseur Andreas Mihan, Berlin, griff Motive der utopischen Erzählung "Picknick am Wegesrand" der Gebrüder Strugazki auf. Der Bademantel-Mann steckt das Terrain ab: In der Zone geschehen seltsame Dinge. Deshalb wird sie strengstens bewacht. Keiner darf rein oder raus. Manche Menschen schaffen es trotzdem hinein. In der Zone soll es eine goldene Kugel geben, die die geheimsten Wünsche erfüllt. Doch: "Kennen Sie Ihre geheimsten Wünsche? Sehen Sie in Ihr Herz! Was sehen Sie? Was ist aus Ihrem sehnlichsten Traum geworden? Wohin hat es Sie verschlagen? Wie weit ist der Traum heute weg?"

Aufgeteilt in fünf Gruppen nach den Farbpunkten auf den Eintrittskarten führen Pfadfinder die Besucher in die Zone. Doch die Menschen, denen sie begegnen, sind nicht wunschlos glücklich. Neben Ansporn und Tatendrang schwingen Angst, Enttäuschung und Scheitern mit. Hat die goldene Kugel versagt oder gibt es sie gar nicht?

Die dunkelblaue Gruppe landet im Keller, wo im ersten Raum zwei Mädchen (Kathrin Zschorn und Agathe Hummel) detailliert schildern, wie man ein Pferd sattelt, und von einem Partner und vielen Kindern, "am besten eine ganze Fußballmannschaft", träumen. Doch da ist auch Angst: Was wäre, wenn sie keine Kinder hätten oder Fehlgeburten erlitten? Während eine Samenspende erlaubt ist, sei eine Eizellspende verboten. Alleinstehend ein Kind zu adoptieren, sei schwer. In zwei spiegelgleichen Räumen, durch eine Tür verbunden, befinden sich zwei Geschichtenschreiber (Stephanie Albert und Martin Wohlgefahrt). Sie puschen einander beim Schreiben, auf dem Rasierklingenritt nach Erfolg. Doch ist nur das Schreiben wertvoll, von dem man sich eine Wurst kaufen kann? Geht es nicht eher um Gedanken, Gefühle und darum, Dingen Leben einzuhauchen? Raum Nummer 3 ist die Bühne auf dem Vorplatz. Dort sitzt Albrecht Schmidt aus Dölau an seiner Hammondorgel. Als er mit seiner Musikformation einst in der Sky-Bar im Hotel Neptun in Warnemünde spielte, lag dort das Kreuzfahrtschiff "Arkona" vor Anker, das auch für Neckermann in den Westen fuhr. Bei der Konzert- und Gastspieldirektion in Berlin fragte er immer wieder nach, ob seine Band nicht auch dort mal spielen könnte. Das war sein großer Wunsch. "Tut uns leid, aber einer von Ihnen bekommt keinen Reisepass für die Bundesrepublik", hieß es da. Dass ausgerechnet er dieser jemand war, verschwiegen sie. Er bekam es erst mit, als seine Musiker plötzlich kündigten und bald darauf mit der "Arkona" von Cuxhaven in die Karibik schipperten. "Damit bin ich bis heute nicht fertig", sagt er.

Die Räume 4 und 5 sah die Gruppe nicht, so wie anderen Gruppen andere Räume verborgen blieben. Dort erzählte das Greizer Original Peter "Lehry" Lehrmann Anekdoten aus seinem Leben, Sabine Petri und der blinde Holger Springer reflektierten ihre Theaterherbst-Auftritte.

Aus der Zone zurück auf der Rampe fragte der Bademantel-Mann in die Runde: "Konnten Sie ein paar Träume erhaschen? Wurden Sie an die eigenen Träume erinnert? Es gibt noch viel mehr: Die Welt ist voll davon." Eine riesige Gedankenblase aus Zellophan quoll aus einem Fenster, während ein verbales Hämmerchen an die Fassade des Kapitalismus ploppte. Zum Finale stimmte der Jugendchor von St. Marien Greiz Judy Garlands "Over the Rainbow" an. Ein Gänsehaut-Moment. "Irgendwo überm Regenbogen ist der Himmel blau, und die Träume, die du zu träumen wagtest, werden wirklich wahr."

theaterherbst.de

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