Unehrenhafte Bestattung - Legende oder Wahrheit?

Vor 260 Jahren verstarb Friederike Caroline Neuber. Die aus Reichenbach stammende Schauspielerin und Prinzipalin gab den Anstoß zu einer grundlegenden Reform des deutschen Theaters.

Reichenbach.

Vor 260 Jahren, am 29. November 1760, endete im Alter von 63 Jahren das Leben der berühmten Reichenbacherin Friederike Caroline Neuber, geborene Weißenborn. Nachdem sie als Schauspielerin, Theaterautorin und -reformerin Triumpfe gefeiert hatte - Gastspielreisen führten ihre Schauspieltruppe bis nach St. Petersburg - war ihr Lebensabend von Tragik umschattet. Die letzten Lebensjahre fielen in politisch unruhige Zeiten: Dem Versuch, eine neue Schauspieltruppe zu gründen, war 1756 mit dem Ausbruch des Siebenjährigen Krieges kein Erfolg vergönnt.

Ohne Einkommen und feste Bleibe hatten die Neuberin und ihr Ehemann Johann Neuber dennoch Glück. Sie fanden in Dresden Unterschlupf bei einem Verehrer ihrer Schauspielkunst. Der kurfürstliche Leibarzt Dr. Löber gewährte ihnen freie Unterkunft im Souterrain seines Hauses an der Pirnaischen Gasse. Als infolge der Besetzung durch die preußische Armee am 9. November 1756 die Stadt Dresden Einquartierungen zu tragen hatte, blieb auch das Löbersche Haus nicht verschont. Die Familie musste mit Soldaten zusammenwohnen. Doch versagten diese der Neuberin nicht ihren Respekt. Ihr Tisch, an dem sie auch arbeitete und Gelegenheitsgedichte verfasste, "war den feindlichen Soldaten heilig, nicht eine Tabakpfeife legten sie darauf", wie Friedrich Johann von Reden-Esbeck im Buch "Caroline Neuber und ihre Zeitgenossen" von 1881 schrieb.

Johann Neuber starb Anfang März 1759 "an Mattigkeit", wie der Eintrag ins Sterberegister der Dresdener Kreuzkirche überliefert. Begraben wurde er am 3. März 1759 auf dem Neuen Kirchhof am Pirnaischen Platz. Sein Grab besteht nicht mehr, da der Friedhof 1854 säkularisiert und 1858 aufgelassen wurde.

Ihres langjährigen Lebensgefährten beraubt, musste die Neuberin, wie die Familie ihres Gönners, den Beschuss Dresdens 1760 miterleben. Dabei wurde auch das Löbersche Wohnhaus in der Pirnaischen Gasse getroffen. Einige Familienmitglieder flohen mit der Neuberin ins nahe gelegene Dorf Laubegast, wo die Familie Löber oft den Sommer verbracht hatten. Dort mietete ihr Löber eine Stube im Dorf. Doch als die Neuberin schwer erkrankte, musste sie diese Herberge verlassen, da der Hausbesitzer verhindern wollte, dass jemand Fremdes unter seinem Dach stirbt. Eine letzte Unterkunft fand die Kranke in einer Stube beim Laubegaster Bauern Georg Möhle.

Dort verstarb sie am 29. November 1760 gegen 1 Uhr. An ihrem Sterbebett hatte Möhle gewacht. Er zimmerte - wie seine Enkelin berichtete - auch den Sarg und sorgte für das Begräbnis am nächsten Tag, dem Ersten Adventssonntag, auf dem nahen Leubener Friedhof.

Wie das Begräbnisregister der Leubener Pfarrkirche festhielt, wurde die Neuberin in aller Stille ohne Trauerfeier beigesetzt. Diesem Umstand entsprang später die Legende, der Leubener Pfarrer habe sich wegen ihres unehrenhaften Schauspielgewerbes geweigert, ihrem Leichnam die Friedhoftore zu öffnen. Bauer Möhle habe den Sarg bei Nacht und Nebel über die Friedhofsmauer schieben müssen. Die Neuberin habe ein nur unehrenhaftes Begräbnis ohne christlichen Segen erhalten. Doch lässt diese Legende außer Acht, dass nach der letzten großen Schlacht des Siebenjährigen Krieges am 3. Dezember 1760 bei Torgau, in der Preußen siegte, Dresden und sein Umland vom Winterlager der österreichischen Truppen heimgesucht wurde. Das Elend und die Sterblichkeit waren dort groß, die Leichen wurden schnell und meist "in aller Stille" ohne Trauerfeier beigesetzt.

Obwohl die Neuberin ihr Lebensziel, die grundlegende Reform des deutschen Theaters nur zum Teil umsetzen konnte, so hatte sie doch das Fundament dazu gelegt. Schon die nächste Generation mit Lessing, Goethe, Schiller und anderen setzte um, wovon sie geträumt hatte. Eine allgemeine Anerkennung für ihr Wirken erhielt die Neuberin erst nach ihrem Tod.

Nachdem ihr 1776 auf Kosten von Kunstfreunden in Laubegast ein erstes Denkmal errichtet worden war, widmeten die Mitglieder des Dresdener Hoftheaters der Neuberin am 17. September 1852 eine Gedächtnisfeier, deren Ertrag der Ausschmückung ihres bis dahin sehr schlichten Grabes auf dem Leubener Friedhof diente. Im selben Jahr wurde das alte Laubegaster Neuberin-Denkmal durch das heute noch bestehende ersetzt. In Sichtweite ihres Sterbehauses erinnert es noch heute an diese bemerkenswerte Reichenbacherin, die zur Wegbereiterin des deutschen Nationaltheaters wurde.

* Unsere Autorin ist Martina Bundszus, Leiterin des Neuberin-Museums Reichenbach.

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