Wenn der Tanz ums Geld einem das Herz zu Stein werden lässt

Die Schüler der 9. Klasse des Evangelischen Gymnasiums Mylau zeigen im Neuberinhaus das Märchen "Das kalte Herz". Mit Spiellust und einem überraschenden Ende.

Reichenbach.

Soziale Ausgrenzung, Egoismus und Gefühlskälte. Diese Themen haben die 22 Mädchen und Jungen der 9. Klasse des Evangelischen Gymnasiums Mylau unter Leitung von Manuela Richter mit Wilhelm Hauffs Märchen "Das kalte Herz" aus dem Jahr 1827 aufgegriffen. Am Montagabend hatte das Stück im großen Saal des Neuberinhauses in Reichenbach Premiere. 17 Szenen in 65 Minuten.

Schnell ist der Konflikt skizziert: "Das Geheimnis des Glücks liegt nicht im Besitz, es liegt in den kleinen Dingen", sagt der weise Wilhelm (Christopher Keller), als er mit dem jungen Köhler Peter Munk (Michael Obenaus) und dessen verwitweter Mutter Barbara (Marcia Walter) im Wald Pilze sucht. Doch auf dem Tanzboden auf dem Markt erntet der arme, schmutzige Peter nur Spott und Hohn. "Geld, Reichtum, Macht!", skandiert die Menge. Nur das verheißt Respekt, Einfluss und Ansehen. Lisbeth (Franziska Köhler), in die sich Peter verliebt, ist dem reichen Tanzbodenkönig Andreas (Laurin Kosterletzky) versprochen.

Doch wie kommt man zu Geld? Sonntagskind Peter lässt sich vom Glasmännlein (Marlene Schaler), einem guten Geist, zwei Wünsche erfüllen. Peter kann nun besser tanzen als Andreas und hat so viel Geld wie Ezechiel (Philipp Brückner) beim Würfelspiel. Und er kann sich eine Glashütte kaufen. Besser hätte er sich Verstand wünschen sollen, grollt das Glasmännlein. Peter kann als Glasmacher bei Lisbeth und deren geldgieriger Mutter Marthe (Judith Thomas) landen, er wird Tanzbodenkönig und genießt Geltung. Doch das Glück ist brüchig wie Glas. Peter spielt, tanzt, trinkt und vernachlässigt seine Glashütte derart, dass er sie zu verlieren droht. Der Amtmann (Lukas Krause) ist schon auf dem Weg. Was nun? In seiner Not sucht Peter den grausigen Holländermichel (Laura Käppel) auf, der mit dem Bösen im Bunde steht. 100.000 Taler gibt ihm dieser. Der Preis dafür ist Peters Herz. Dafür bekommt er eines aus Stein in seine Brust. In Michels Einweckgläsern pochen - wen wundert's - auch die Herzen von Ezechiel, Andreas und dem Amtmann. Fortan liebt Peter nur noch sein Geld, behandelt seine Frau und Mutter wie Dreck und jagt jeden Bettler vom Hof. Als seine Frau einem von ihnen Brot und Wein gibt, erschlägt er sie. Da gibt sich das Glasmännlein unterm Umhang zu erkennen und verurteilt sein Tun. Um sein echtes Herz zurückzubekommen, rät es Peter zu einer List, mit der er den Holländermichel schließlich übertölpelt.

Das Stück kommt nie so düster daher wie die Defa-Verfilmung von 1950. Die auf Geld und Macht getrimmte (Dorf-)Gesellschaft arbeitet die Inszenierung scharf konturiert heraus. Geld zu Geld, das ist bis heute in manchen Köpfen nicht totzukriegen. Und stets schwingen - als prägendes Motiv der Romantik - die Sehnsucht nach Liebe und der Glaube an das Gute im Menschen mit.

In zwei Szenen kann die Aufführung der Versuchung nicht widerstehen, auf Coronazeiten anzuspielen. Da müssen die Bäume im Wald auf "Abstand" gehen. Und bei den drei Tratschweibern schiebt eine einen Einkaufswagen voller Klopapier. Eine sagt: "Das Glasmännlein will uns alle kontrollieren. Es zaubert was in deinen Körper." Die andere entgegnet: "Das klingt mir aber sehr nach Verschwörungstheorie."

Das Ende überrascht: Alle atmen auf, als Peter sein lebendiges Herz wieder hat und erkennt, dass er kalt und böse war. Er weint vor Reue und dürfte seinen dritten Wunsch gewiss mit Verstand wählen. Doch was er sich wünscht, sorgt auf der Bühne für lautstarkes Entsetzen und in den Zuschauerreihen für herzhaftes Lachen. Begeisterter und anhaltender Schlussbeifall folgt, der frenetisch anschwillt, als die Darsteller Tanz- und Theaterpädagogin Manuela Richter auf die Bühne bitten.

Sie hat zum inzwischen neunten Mal mit einer Klasse des Evangelischen Gymnasiums Mylau ein Theaterstück inszeniert. Normalerweise jedes Jahr mit der aktuellen Klasse 8. Doch Corona machte im alten Schuljahr einen Strich durch die Rechnung. Um nicht als erste Klasse ohne eigene Theateraufführung in die Annalen eingehen zu müssen, stellten die elf Mädchen und elf Jungen nunmehr in der 9. Klasse die Inszenierung auf die Beine.

"Wir haben das Stück in nur sechs Wochen einstudiert", erzählt Manuela Richter, die auch die Textfassung erarbeitet hat. Die Kostüme stammen aus dem Fundus des Theaters Plauen-Zwickau, die spärlichen Kulissen, ein paar Quader, vom Mondstaubtheater Zwickau. "Es ist spannend und schrecklich zugleich. Nach der Premiere fühlt man sich wunderbar. Und dann ist man wieder Anfänger. Alles beginnt neu mit einem weißen Blatt", sagt Richter. Aber darin liegt auch der Reiz: Alles einfach neu zu erfinden.

Weitere Vorstellungen: 14. Oktober, 10 und 19 Uhr; 15. Oktober, 10 Uhr. Karten gibt es im Neuberinhaus. Telefon 03765 12188.

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