Wenn sich der Alltag wie Urlaub anfühlt

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Die "Freie Presse" ruft auf, den schönsten Blick auf das Vogtland zu küren. Die alte Sternwarte Mylau bietet in jeder Hinsicht Hingucker.

Mylau.

Mit der Geschichte dieses als Mylauer Orchesterschule erbauten Hauses ließe sich exemplarisch ein knappes Jahrhundert Stadtentwicklung erzählen. 1930 von dem über das Vogtland hinaus bekannten Architekten Rudolf Ladewig im Stil der neuen Sachlichkeit errichtet, war es später Sitz einer Schilfschuh-Fabrikation, einer Schneiderei und Wohnsitz von nach dem Krieg aus dem Böhmischen Vertriebenen. Auch ein Kinderhort war untergebracht. DDR-weit sorgte das Baudenkmal für Aufsehen, als Astronomie-Lehrer Jochen Stier quasi im Alleingang den Einbau einer 1967 eröffneten Sternwarte durchsetzte und dort schließlich mit seinem angewandten Astro-Unterricht ganze Schüler-Generationen prägte - und so das Leistungsniveau in diesem Fach steigern konnte.

In jenem Raum, in dem Jochen Stier Zehntklässler fünf vogtländischer Schulen mit den theoretischen Grundlagen für die Beobachtungen am Zeiss-Teleskop in der noch voll funktionstüchtigen Kuppel vertraut machte, befindet sich heute das Schlafzimmer von Bianca Böttcher und Christoph Zöbisch. Seit ein paar Jahren steckt das Paar viel Geld und jede freie Minute in den Ausbau des lange leerstehenden Baus. Bald erfolgt der Einzug in die obere Etage des hoch über dem Raumbachtal gelegenen Hauses. Später soll in den unteren Stockwerken eine kreativ-therapeutische Wohngruppe für Kinder und Jugendliche eröffnen - deren Leitung Bianca Böttcher übernimmt. Mit dieser Art von Homeoffice erfüllt sich das Paar einen Lebenstraum.

Einen, der auch im Hinblick auf ein riesiges, im Vorjahr im einstigen Arbeitszimmer des Astronomen eingebauten Panoramafensters einfach ein Traum ist. "Selbst nach über einem Jahr können wir uns nicht sattsehen. Ein Kaffee, hinsetzen und vom Alltag abschalten, das ist es. Wir schauen im Urlaub immer, an einen Ort mit toller Aussicht zu kommen. Das haben wir jetzt auch zu Hause", sagt Christoph Zöbisch.

Der Magie dieses gerahmten Panoramas entzieht sich niemand. Die Aussicht auf Wiesen, Felder und Wälder sowie die Stadt mit Leuchttürmen wie Burg Mylau oder der Stadtkirche raubt jedem Gast den Atem. "Es sieht nie gleich aus. Immer neue Farben, neue Stimmungen, neue Sensationen. Jetzt waren wir beeindruckt, wie schnell die Stadt im hervorschießenden Grün verschwunden ist. Und immer bewegt sich etwas; das ist so, als wenn man sich in das Gewusel einer Modelleisenbahn-Anlage versenkt", erzählt der Hausherr. Mal ist es der Traktor auf einem Feld, dann ein Turmfalke, der sich auf das Fensterbrett setzt. "Ich denke, das hätte auch Herrn Stier gefallen", sagt Bianca Böttcher. Manchmal, wenn das Paar sein Glück kaum fassen kann, geht es hinaus auf den Gegenhang. "Dann schauen wir uns unser Haus aus einer anderen Perspektive an."

Mit Blick auf das sich harmonisch in den wiederaufpolierten Bauhaus-Glanz einfügende Fenster - dessen Einbau ein Kraftakt war und den Einsatz eines Krans und von Saugrobotern erforderte. "Ein halber Tag Maßarbeit, das war die größte Herausforderung auf der ganzen Baustelle", berichtet Christoph Zöbisch von der Installation der mehr als eine halbe Tonne schweren Scheiben in 16 Metern Höhe. Dieser Aufwand hat sich gelohnt. Selbst diesem baulichen Detail sieht man den Wert an, den der Handwerker und seine Frau auf Stimmigkeit im Konzert aller neuen und runderneuerten Bauelemente legen. So nimmt ein Hingucker Gestalt an, der den Bauhaus-Stil aus allen Poren atmet - bis hin zu den auf einen Entwurf von Walter Gropius zurückgehenden Klinken an den originalgetreu aufgearbeiteten Türen.

Das, die Geschichte des Denkmals und dessen fast nicht mehr für möglich gehaltene Wiederauferstehung zeichnen die Hausherren in einer Dokumentation nach, in die Gäste perspektivisch von Zeit zu Zeit schauen können - etwa, wenn das Haus bei Tagen des offenen Denkmals öffnet. Und für die Zeit zwischendurch hat sich das Paar etwas einfallen lassen, das den Bogen zum ursprünglichen Zweck des Baus spannt: Im Veranstaltungs-Keller der einstigen Orchesterschule richten Bianca Böttcher und Christoph Zöbisch einen Kulturkeller mit Veranstaltungsbetrieb ein - in dem es auch Konzerte geben soll.

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