Wo in Kitas der Schuh drückt

Die Stadt Plauen hat sechs Monate lang ein neues Beschwerdemanagement in den kommunalen Kindereinrichtungen erprobt. Nun wurde eine Zwischenbilanz gezogen.

Plauen.

Ein Chef, der Kritik als Chance begreift, weil er sich als Servicebetrieb und Dienstleister sieht? Laut Lutz Schäfer, Leiter Fachbereich Jugend/Soziales im Plauener Rathaus, werde diese neue Kultur der Beteiligung in den kommunalen Kindertagesstätten gut angenommen. In den vergangenen sechs Monaten wurde mithilfe von Fragebögen herausgefunden, wo der Schuh drückt. Eltern und auch Kinder haben das neue Messinstrument erprobt.

Weshalb die Rückmeldung überhaupt nötig ist? "Es war in der jüngsten Vergangenheit in den Einrichtungen vonseiten einiger Kinder vermehrt zu psychischer und physischer Gewalt und zu Diskriminierung gekommen", nannte Schäfer einen Grund dafür. "Außerdem brauchen wir im 21. Jahrhundert starke und selbstbewusste Kinder, die mitteilen, was sie bewegt oder ärgert", ergänzt Gita Wolf, die stellvertretende Hortleiterin der Karl-Marx-Grundschule.

Die neue Möglichkeit, quasi alles und jeden kritisieren zu können, hatte kürzlich zu einer angeregten Diskussion im Sozialausschuss des Plauener Stadtrates geführt. Die einen lobten die Transparenz. Denn wenn man sich mit Namen und Adresse über eine Situation oder über einen Mitarbeiter beschwert, könne schnell Abhilfe geschaffen werden. Andere befürchteten, dies könne auch schnell mal nach hinten losgehen - etwa in Form der Benachteiligung eines Kindes. Zumindest könne er sich diesbezüglich Ängste bei einigen vorstellen, so CDU-Stadtrat Dirk Stenzel. Bürgermeister Steffen Zenner (CDU) sagte, er wisse nicht, "was ein Erzieher davon haben soll, ein Kind auf dem Kieker zu haben". "Wir sind aber alle nur Menschen", argumentierte Stenzel für eine Anonymisierung im Ausnahmefall. Dann sei die Hemmschwelle einfach niedriger. Da die Fragebögen im Eingangsbereich ausliegen, man sie sich also einfach nehmen und ausfüllen könne, ohne jemanden zu fragen, sei diese Schwelle schon jetzt sehr gering, antwortete Zenner.

Wenn das Essen nicht schmeckt, das Kind sich überfordert fühlt oder sich mit anderen streitet: Durch das Beteiligungs- und Beschwerdemanagement soll sich jeder mit seinem individuellen Problem ernstgenommen fühlen, so Zenner. "Es muss keiner mit Sanktionen rechnen", bekräftigte er. Übrigens sei auf den Fragebögen auch Platz für Lob und Anregungen, so Schäfer. Seiner Meinung nach seien Beschwerden nicht nur etwas Negatives. Man könne auch den Begriff ändern und künftig von "Ideenmanagement" sprechen, schlug André Bindl (FDP) vor.

Im Hort der Karl-Marx-Grundschule würden sich die Kinder indes auf noch andere Art einmischen. So existiere etwa ein Kinderrat. "Der ist das Sprachrohr und besitzt auch einen eigenen Briefkasten", berichtete Gita Wolf. In diesen wiederum können Kinder ihre Rückmeldebögen einwerfen. Offen steht das Konzept auch den freien Trägern, so Schäfer. Zudem könnten die Plauener Bürgervertreter das neue Beschwerdemanagement auch für ihre eigenen Betriebe nutzen.


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