Wo Mattheuer Schulstoff wird

Zehntklässler des Goethe-Gymnasiums haben gestern die Ausstellung im Reichenbacher Neuberinhaus besucht. Im Mittelpunkt: die Plastik "Jahrhundertschritt".

Reichenbach.

Für Kunstlehrer Michael Daum, der das graue Haar zum Pferdeschwanz gebundenen und ein keckes Bärtchen trägt, steht fest: "Die Jugend in Reichenbach sollte den Namen Mattheuer kennen." Eine Unterrichtsstunde für die Zehntklässler verlegte er deshalb gestern ins Foyer des Neuberinhauses.

Dort zeigt der Verein Kunsthalle Vogtland noch bis zum 20. Juni die Ausstellung "Jahrhundertschritt" mit der gleichnamigen Bronzeplastik, Grafiken und Plakaten des international bekannten, aus Reichenbach stammenden Künstlers Wolfgang Mattheuer. Im April wäre er 90 Jahre alt geworden.


"Wenn wir schon so etwas Außergewöhnliches da haben, wollen wir die Ausstellung auch nutzen und Interesse bei den Schülern wecken", sagte Daum. Bevor sich die Mädchen und Jungen den grafischen Werken zuwandten, brachte er ihnen die Bronzeplastik "Jahrhundertschritt" näher. "Ein Schritt, der symbolhafter nicht sein könnte und doch rätselhaft bleibt", hatte Frank Lorenz vom Kunsthallen-Vorstand im Faltblatt zur Ausstellung erklärt.

Als die 1984 entstandene Plastik ein Jahr später auf der 11. Bezirkskunstausstellung im Museum der bildenden Künste in Leipzig gezeigt wurde, wirkte sie wie ein Sprengsatz. Mattheuer hatte es gewagt, die zwei prägenden Herrschaftssysteme des 20. Jahrhunderts auf ostdeutschem Boden in einer Figur zu vereinen. Der linke Arm reckt die Arbeiterfaust nach oben, die rechte zeigt den Hitlergruß. Das rechte Bein mit nacktem Fuß schreitet ungestüm voran, während das linke im Militärstiefel hinterherhinkt. Die Militarisierung der Gesellschaft, die den Fortschritt hemmt? Dazu kommt ein in den Rumpf eingesunkener Kopf. Ein zerrissener Mensch, den zwei Diktaturen mit ihrem totalitären Anspruch verkümmern ließen. Diese Zerrissenheit hatte Mattheuer selbst zu spüren bekommen. 1945 in Hitlers letztem Aufgebot an der Font verwundet, stieß er später immer wieder an die Grenzen des DDR-Systems und rieb sich daran wund. 1988 trat er aus der SED aus.

In den totalitären Staaten trugen viele eine Maske und verbargen ihre wahre Meinung - aus Opportunismus oder aber um der Internierung durch Gestapo oder Stasi zu entgehen, erklärte Daum. Dieses Dilemma hatte Mattheuer auch in seiner Plastik "Gesicht zeigen" verarbeitet, die er 2003, ein Jahr vor seinem Tod, seiner Geburtsstadt schenkte. Sie steht heute auf dem Reichenbacher Markt. Trotz der Wende 1989/90 muss der aufrechte Gang bis heute immer wieder neu trainiert werden.

Übrigens: Am 8. Juni wird auch eine 9. Klasse der benachbarten Weinhold-Oberschule im Kunstunterricht die Mattheuer-Ausstellung im Neuberinhaus besuchen.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...