Raupen-Ansturm bringt Hausbesitzer in Rage

Ein Umweltschutz-Projekt hat in Verbindung mit der extremen Hitze unangenehme Folgen für die Nachbarn. Die riefen wegen der ekligen Invasion sogar die Polizei.

Die Spur der Raupen: Bei ihrem Marsch über die Fassade hinterlassen die Kohlweißlings-Raupen gelbe Flecken, die schlecht weggehen - offenbar Ausscheidungen.
Seit 1982 wohnt das Ehepaar Mühl an der Abhorner Straße, direkt am Feld. Das befindet sich in diesem Jahr in einem Umweltprogramm und soll als Rückzugsort für Insekten dienen. Heraus kamen Massen von Kohlweißlings-Raupen.

Von Bernd Appel

Natürlich habe sie ein Herz für die Natur und die Tiere, sagt Carmen Mühl (63): "Aber das hier ist einfach nur noch eklig." An den Außenwänden ihres Hauses an der Abhorner Straße kriechen überall gelb-grünliche Raupen herum, regelmäßig saugen Carmen Mühl und Ehemann Markus sie ab. Eine große Menge ist im Staubsauger-Beutel gelandet, andere kleben auf Holzleisten fest, die die Eheleute mit doppelseitigem Klebeband zu Raupen-Fallen gemacht haben. Weil das nicht genügte, haben sie zusätzliche feinmaschige Netze auf den Rasen in Richtung des benachbarten Feldes gelegt - in der Hoffnung, dass sich die Krabbler darin verfangen. "Sie kriechen zu den Fenstern rein, wir müssen alles zumachen", sagt Carmen Mühl.

Die Tierchen hinterlassen gelbe Flecken an der Fassade und verpuppen sich in Massen unterm Dach. "Hunderte oder Tausende" seien es in den letzten Tagen gewesen, schätzt die Rodewischerin. "Wir wohnen seit 1982 hier - so etwas gab es noch nie." Eine ähnliche Raupen-Invasion verzeichnen auch die Nachbarn auf der anderen Straßenseite. "Die Raupen verpuppen sich und bilden so einen gelblichen Schleim, der schlecht weggeht", sagt Tony Behrendt (20), der als Student gerade zuhause ist und hier für seine Eltern Wache schiebt. "Alle paar Stunden muss ich saugen, es kommen immer neue."

Ausgangspunkt der Plage ist ein benachbartes Feld, auf dem sonst Raps oder Getreide wuchs. In diesem Jahr sei es wohl "ein Bienenfeld", sagt Carmen Mühl achselzuckend. "Aber es ist ja längst alles verblüht. Bienen sind keine da - nur noch Massen von diesen Raupen, die jetzt alle zu uns kommen. Das Feld muss endlich umgepflügt werden." Die Rodewischer haben in ihrer Not Polizei und Ordnungsamt eingeschaltet. Helfen konnte ihnen niemand. Immerhin ist klar: Es handelt sich um Kohlweißlings-Raupen, von denen ansonsten keine Gefahr ausgeht. "Das Problem können die Betroffenen nur privatrechtlich mit dem Landwirt klären", sagt Christian Wetzig vom Ordnungsamt.

Zuständig ist Landwirt Bernd Lange aus Treuen. Er erläutert, dass die Fläche über ein Umweltprogramm des Freistaats gefördert wird: "Das ist eine Blühwiese, sie bietet Nahrung und einen Rückzugsort für Insekten." Die starke Vermehrung der Kohlweißlings-Raupen hänge offenbar mit der außergewöhnlichen Hitze zusammen und sei auch andernorts zu beobachten: "Meistens stören sie niemanden. Das ist hier blöd gelaufen." Umackern dürfe er das Feld derzeit nicht, weil ein Bearbeitungsverbot bis 15. September gelte. "Wenn ich dagegen verstoße, muss ich Strafe zahlen." Gift spritzen dürfe er auf einer solchen Fläche selbstverständlich auch nicht. "Da tut man als Landwirt was für die Natur - und dann ist es auch wieder falsch", sagt Lange. Direkt miteinander geredet hatten die Hausbesitzer und er bis gestern nicht.

Inzwischen habe sich die Lage an der Raupen-Front beruhigt, hieß es gestern: Der Ansturm lässt nach.

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