Zahnbürsten aus Zuckerrohr: Firma forscht mit Biokunststoff

Gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut sucht ein vogtländisches Unternehmen nach Alternativen zu Plastik. Das Interesse am Markt wächst - nicht zuletzt durch Verbote von Einwegprodukten.

Oelsnitz.

Formschön und in satten Farben müssen Biokunststoffe daherkommen. Sonst scheitern sie am Markt. Niemand kauft sie. Das weiß Volker Dreher. Er ist Betriebsleiter der Firma GEK, einem Spezialisten in der Kunststoffverarbeitung. Plaste - das Wort hat der Verantwortliche längst aus seinem Wortschatz getilgt, weil es negativ besetzt ist. "Alle reden immer viel von Bio und nachwachsenden Rohstoffen. Wenn man aber den Test macht, greifen alle zum schönsten Produkt", sagt er. Das sei aber meist das aus konventionellem Kunststoff.

Mit dem Verbot von Wegwerfprodukten aus Plastik in der EU sieht die Firma im vogtländischen Oelsnitz eine Chance auf sich zukommen. Denn an der Verarbeitung von biobasierten Kunststoffen aus nachwachsenden Rohstoffen wie Zuckerrohr oder Mais forscht das Unternehmen seit mehr als zehn Jahren. Jetzt startet in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut ein neues Projekt. Ziel ist es, einen Stoff weiterzuentwickeln und zu verarbeiten, der sich in den Weltmeeren nicht zum Müllteppich dazugesellt, sondern wieder zersetzt. Innerhalb von 14 Tagen löst sich der Kunststoff im Salzwasser in seine Bestandteile auf. Der Knackpunkt: Das Material muss für die Verarbeitung und die Markteinführung dennoch hitzebeständig und stabil sein. "Wenn jemand beim Essen an einer abgebrochenen Zacke der Gabel erstickt, dann nützt es wenig, wenn sie aus Biokunststoff war", sagt Dreher. Als eine ihrer ersten alternativen Entwicklungen stellte die Firma Besteck aus wieder abbaubaren Materialien her. In dem Gemisch kam damals unter anderem Erbsenmehl zum Einsatz. Den Qualitätsansprüchen genügte es nicht, nach einiger Zeit wurde es porös - auch ohne Salzwasser. Jetzt knüpft die Firma an dem Punkt noch einmal an. "Es wird sich im ersten Jahr zeigen, ob es funktioniert", meint Volker Dreher. Knapp 150.000 Euro Zuschuss gestreckt auf drei Jahre erhält der Betrieb für die Pionierarbeit. Nur fünf Industriepartner sind Teil des Projekts, einer ist die Firma in Oelsnitz.

Acht Forschungsprojekte ging das Unternehmen auf dem Gebiet bislang an, stellt alternative Kunststoffe aus Bioalkohol her, destilliert aus Zuckerrohr und Stärke statt aus fossilem Rohöl. Manche Stoffe beinhalten Holz, andere werden mit keramischen Anteilen hergestellt. Sie sind formstabil, können allerdings nur industriell recycelt werden. Mit Blockflöten, die aus einem Gemisch mit flüssigem Holz gespritzt werden, schaffte es die Firma vor fünf Jahren in die Sendung mit der Maus. Dass sie in der Branche für ihren Ehrgeiz auf der Suche nach neuen Lösungen von manchem belächelt werden, stört Volker Dreher schon lange nicht mehr. Inzwischen haben er und seine Mitarbeiter den Dreh raus, wie Lebensmittelfarben den heißen Prozess des Spritzgießens mit Brillanz überstehen oder wie man Biegsamkeit im Spielzeug ohne Weichmacher erreicht. "Es hat sich gelohnt, so früh anzufangen", sagt Dreher. "Andere stecken jetzt noch in den Kinderschuhen oder lehnen ein Umdenken ab. Das sehen wir für uns aber als Chance."

Die Abkürzung GEK steht für Gesellschaft für Elektrogerätebau und Kunststoffverarbeitung. Zum Februar 1991 wurde die Firma unter dem Namen gegründet. Damit war der einstige VEB Plaste privatisiert. Die Firmengeschichte begann aber bereits 1874. Heute gehört das Unternehmen zur Rudi Göbel Gruppe mit Sitz in Helmbrechts. Am Standort in der Elsteraue werden Präzisionsspritzguss-Werkzeuge und Kunststoff-Bauteile hergestellt, auch für die Automobilindustrie. 102 Mitarbeiter sind dort beschäftigt.

28 Tonnen Biokunststoff hat die Firma dieses Jahr verarbeitet, unter anderem in zehn Millionen Chips, die sich wie Puzzleteile zu den verschiedensten Formen zusammenstecken lassen - erfunden von zwei Spielzeugentwicklern aus Leipzig, die hinter der Marke Tic Toys stehen. Die Granulate dafür kommen von einem Hersteller bei Stuttgart, aber auch vom Weltmarktführer aus Brasilien, wo Zuckerrohr angebaut wird. Für zwei Gründer aus Berlin stellt GEK Zahnbürsten aus diesen Stoffen her. Dank Wechselkopf und weniger Verpackung soll auch Müll vermieden werden. Ausgeliefert wird das Produkt unter dem Namen Tio an Biomärkte. Eine Zahnbürste mit Reisekappe kostet knapp fünf Euro. "Wir gehen dorthin, wo der Kunde das Produkt auch sucht und will", sagt Dreher.

Drei Prozent des Gesamtumsatzes generierte der Betrieb 2018 über den alternativen Produktionszweig. "Das ist ein Anfang", so der Chef. Dieses Jahr erwartet er eine Steigerung. Nicht für jedes Bauteil sei Biokunststoff eine Alternative. Aber er will den Bereich ausbauen. Ziel: zumindest sämtliche Produkte im Bereich Haushaltswaren aus biobasierten Kunststoffen herzustellen. Für die Vogtländer ist das die Zukunft.

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