Zeitzeugen berichten von Mut und Angst um den Mauerfall

Der Schein von Kerzen und Erlebnisberichte weckten auf dem Markt in Lengenfeld bei viele Älteren Erinnerungen an den Herbst 1989. Dabei kamen verschiedene Sichtweisen zur Sprache.

Lengenfeld.

Vertreter der Kirchen und Religionsgemeinschaften in Lengenfeld sowie etwa 100 Einwohner waren am Samstag auf den Marktplatz zum Gedenken des Mauerfalls vor 30 Jahren gekommen. Michael Heuck, der Leiter des städtischen Museums, moderierte die stimmungsvolle Veranstaltung.

An die Ereignisse vor 30 Jahren erinnernde Transparente warben schon in der Vorwoche für das Gedenken in den Abendstunden. Zeitzeuge und Mitglied des Vorstandes der Evangelisch-Lutherischen Kirche, Bernd Knöfler, schilderte nun am Samstag seine Erlebnisse und Eindrücke, die er damals in Plauen und Lengenfeld gesammelt hatte.

Für eine halbe Stunde riefen Knöflers Schilderungen den Menschen jenseits des 40. Geburtstages noch einmal die Ereignisse mit damals ungewissem Ausgang in Erinnerung. Mut und Angst gleichermaßen bestimmten das Seelenleben vieler Menschen, die vor 30 Jahren wagten, auf die Straße zu gehen. Die Kirche spielte dabei eine erhebliche Rolle, auch in Lengenfeld. In Plauen war es Superintendent Thomas Küttler, der in Wendetagen 1989 zur Besonnenheit aufrief. In Lengenfeld übernahm diese Rolle der inzwischen verstorbene Pfarrer Johannes Jubelt. Knöfler erlebte beide Persönlichkeiten. In Plauen stand er nach einem Theaterbesuch im Oktober 1989 den Einsatzkräften von Militär, Kampfgruppen und Polizei gegenüber. "Fassungslos, aufgebracht und mit schlotternden Knien", so beschreibt Knöfler das, was ihn bis heute aufwühlt, denkt er an die Geschehnisse.

Was in Plauen einst begonnen hatte, das fand auch in Lengenfeld tausende Unterstützer. In der Ägidiuskirche versammelten sich damals so viele Menschen, auch auf den Rängen, dass die zu der Zeit Verantwortlichen Angst hatten, die Statik des Gebäudes könnte dem Menschenansturm nicht standhalten. Nie wieder seit diesen Tagen rückten die Menschen, Christen wie Atheisten so eng zusammen und waren sich menschlich so nah wie in diesen aufwühlenden Tagen. Das machten Knöflers Schilderungen deutlich.

Eine ganz andere Sicht auf die Dinge ergab sich für Uwe Lindner. Der ehemalige Lengenfelder wohnt heute in Mittweida. Mutig, wie viele Zuhörer fanden, trat er am Samstag an das Mikrofon und schilderte die Ereignisse der Wendezeit aus Sicht eines Alkoholsüchtigen. Er gehörte zu den Menschen, denen die Wende 1989 den Boden unter den Füßen wegriss: Arbeitsplatzverlust, Trostsuche beim Alkohol folgten. Seine Rettung war die Evangelische Freikirchliche Gemeinschaft, der er heute angehört. Sie hatte ihm geholfen, sich von der Sucht zu befreien.

Daniel Kühn, Gemeinschaftspastor der Landeskirchlichen Gemeinschaft und Redner Nummer drei, war zum Erzählen von Wendeerlebnissen zu jung. Außerdem lebte der Mittelfranke auf der anderen Seite der deutsch-deutschen Grenze. Für ihn stand aber fest: "Ohne die Menschen, die damals auf die Straße gegangen sind, stünde ich heute nicht hier."

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