Zug in die Freiheit: Am Montag jährt sich eine spektakuläre Flucht

Herbst '89: Drei Reichenbacher sprangen nach der Disko auf den ersten Prager Flüchtlingszug auf. 30 Jahre später erinnert Reichenbach an den Untergang einer Diktatur.

Reichenbach.

In regelmäßigen Abständen hat Jörg Reinhard diese Geschichte in Karlsruhe zu erzählen. Immer den Jungspunden, die in seinem Handballverein nachrücken. "Die glaubt mir aber keiner. Es ist ja auch verrückt. Gerade noch auf der Disko, dann die Genscher-Rede, in den Kohlezug auf dem Bahnhof, und ein paar Stunden später waren wir in Hof. Oft kann ich das selbst kaum glauben", sagt Jörg Reinhard. Dann schaut er das 2014 gedrehte Doku-Drama "Zug in die Freiheit", in dem auch seine Flucht-Geschichte erzählt wird: Mit Jens Rohde und Ronny S. war er beim Lok-Wechsel in Reichenbach auf den ersten Prager Flüchtlingszug aufgesprungen. Am Montag jährt sich dieser Satz in die Geschichtsbücher zum 30. Mal.

"Wir sind geflohen und hatten Glück. Andere haben mehr riskiert und hatten oft weniger Glück. Ich sehe heute all diese Beispiele nicht nur im Kontext von damals. Auch heute brauchen wir immer wieder Menschen, die den Mund aufmachen und eintreten für eine lebendige Demokratie. Unser Beispiel sehe ich als Ermutigung dazu, etwas zu wagen", erzählt Jörg Reinhard, der im Westen blieb und als Personaldisponent auf dem Bahnhof Karlsruhe arbeitet. Jens Rohde kehrte nach Reichenbach zurück und hat über die vor fünf Jahren erstmals öffentlich gewordene Flucht inzwischen an einigen Schulen erzählt.

Zum Bürgergerfest am 3. Oktober, wenn Reichenbach in vielfacher Form an den Untergang der DDR-Diktatur und die Geburtsstunde der Demokratie in der Stadt erinnert, treffen sich die Kumpels von einst bei einer von dem CDU-Abgeordneten Stephan Hösl veranstalteten Feierstunde im Bahnhof wieder - dafür öffnet die sonst verschlossene Kioskhalle von 13 bis 14.30 Uhr. "Die Feierstunde soll dem Austausch und dem Gedenken dienen", sagt Stephan Hösl. Im Beisein von Landrat Rolf Keil und OB Raphael Kürzinger blicken Zwölftklässler des Goethe-Gymnasiums auf Ereignisse von damals zurück und interviewen Zeitzeugen wie Jörg Reinhard, Jens Rohde, den einstigen Pfarrer und Ehrenbürger Gotthold Lange (Schirmherr der Friedensgebete), Gerd Stemmler (Neues Forum/Besetzung Stasi-Villa) sowie Mitglieder der Familie Rosin, die 1989 am Bahnhof verletzt und festgenommen worden waren.

Dieses Vorgehen der Einsatzkräfte erfolgte nach der Flucht des Trios in Erwartung eines weiteren Zugs aus Prag. Das Verhalten der Staatsmacht überhaupt und die tollkühne Flucht wird in "Zug in die Freiheit" nachgezeichnet. Im Ratssaal läuft am 3. Oktober der auch in Reichenbach gedrehte und viele andere Flucht-Geschichten zeigende Streifen ab 17 Uhr.


Gedenken, Gespräche, Feierstunde, Ausstellung, Film ...

Am 3. Oktober beim Bürgerfest widmen sich mehrere Veranstaltungen den Ereignissen 1989/1990.

Auf der Postplatz-Bühne, 10.45 Uhr moderiert Ruben Enxing vom Bistum Dresden-Meißen eine Gesprächsrunde mit: Gerd Stemmler, Neues Forum, beteiligt an der Besetzung der Stasi-Villa; Pfarrer in Rente Gotthold Lange, Ehrenbürger und Schirmherr der Friedensgebete; Sigrid Mann saß für den Demokratischen Frauenbund am Runden Tisch; Emmi Labisch war CDU-Mitglied am Runden Tisch.

Züge in die Freiheit, Feierstunde im Bahnhof ab 13 Uhr auf Einladung des CDU-Politikers Stephan Hösl: mit Goethe-Gymnasiasten, musikalischer Umrahmung, Interviews von Zeitzeugen - unter anderem Gotthold Lange, Zug-Flüchtling Jens Rohde, Gerd Stemmler sowie Familie Rosin.

Ausstellung in der Trinitatiskirche "Wir sind das Volk" von 10 bis 19 Uhr zu den Ereignissen in Reichenbach in der Zeit der Wende 1989/1990.

Demokratie-Stände auf dem Markt von 10 bis 19 Uhr mit Wahl-Fun, Cafe Hoffnung und Demokratie Leben.

Kino im Ratssaal: 17 Uhr läuft das Doku-Drama "Zug in die Freiheit".

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