Vom KZ-Außenlager auf den Todesmarsch

In Lengenfeld gab es eine Außenstelle des Konzentrationslagers Flossenbürg in der Oberpfalz. Am 13. April 1945 wurde sie angesichts der näher rückenden amerikanischen Truppen geräumt. Für die Menschen begann damit ein weiteres Martyrium.

Lengenfeld.

Im August 1943 bezog auf Befehl des Reichsluftfahrtministeriums unter dem Decknamen "Leng-Werke" ein Zweigbetrieb der Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG Werk Magdeburg-Neustadt die leer geräumte Baumwollspinnerei in Lengenfeld. Gefertigt wurden in Lengenfeld Einzelteile für Einspritzpumpen, die in Flugzeugmotoren eingebaut wurden, später auch sogenannte Riedel-Anlasser, nach dem Ingenieur Norbert Riedel benannte kurzhubige Zweitaktmotoren zum Starten der Triebwerke für den neu entwickelten Düsenjäger Me 262. Hinter dem Werk mussten Strafgefangene eine unterirdische Stollenanlage, vier Längshallen und zwei Querhallen, in den Göltzschhang treiben. Am Walkmühlenweg entstand ein großes Barackenlager zur Unterbringung der zahlreichen Arbeitskräfte: Fremdarbeiter verschiedener Nationen, Ostarbeiter, Kriegsgefangene, italienische Militärinternierte (sogenannte "Badoglio-Truppen").

Im Oktober 1944 wurden im hinteren Teil des Barackenlagers zwei Doppelbaracken zu einem Konzentrationslager eingerichtet - zu einem Außenlager des großen, im Mai 1938 eingerichteten KZ Flossenbürg bei Weiden in der Oberpfalz. Die Häftlingsnummernliste der Gedenkstätte Flossenbürg umfasst für das Außenlager Lengenfeld 978 Deportierte. Mindestens 254 von ihnen haben die Unmenschlichkeit im Lager, Hunger, Misshandlungen, Krankheiten nicht überlebt. Das Prinzip "Vernichtung durch Arbeit" charakterisiert zutreffend die dortigen Bedingungen.

Am 13. April 1945, vier Tage vor dem Einmarsch der amerikanischen Soldaten in Lengenfeld, wurde das KZ-Außenlager geräumt, evakuiert, die Häftlinge auf einen Todesmarsch getrieben. Bereits in Rodewisch gab es das erste Todesopfer, in Wernesgrün die nächsten vier. In Schönheide traf der Marsch aus Lengenfeld am 14. April auf die Häftlinge des dortigen erst im Aufbau befindlichen KZ-Außenlagers und auf die evakuierten Frauen aus dem Außenlager Baumwollspinnerei in Plauen. Um die Mittagszeit brachte ein Lastwagen etliche kranke und nicht mehr marschfähige Häftlinge dem Transport hinterher, die in Lengenfeld wie Säcke auf den Lkw geladen und abtransportiert wurden. Gegen Abend traf ein zweiter Evakuierungsmarsch aus dem KZ-Außenlager Zwickau in den Horch-Werken der Auto Union AG in Schönheide ein. Ein Häftling war bereits in Planitz erschossen worden, ein weiterer in Wernesgrün, acht im Sützen-grüner Ortsteil Neulehn. Wer nach der Übernachtung unter freiem Himmel auf dem Turnplatz in Schönheide am Morgen des 15. April nicht mehr weiter konnte (im Lager in Lengenfeld war Flecktyphus ausgebrochen gewesen), wurde an Ort und Stelle erschossen und verscharrt. 32 KZ-Häftlinge wurden später exhumiert und in einem Massengrab auf dem alten Friedhof in Schönheide beigesetzt.

An diesem 15. April wurden die Baracken des KZ-Lagers in Lengenfeld in Brand gesteckt, um den Typhusherd zu beseitigen. Bei den späteren Aufräumungsarbeiten wurden halbverkohlte Skelettreste von fünf Menschen gefunden.

Die Tagesetappe am 15. April von Schönheide bis Johanngeorgenstadt ist heute von mehreren Gedenkstätten gekennzeichnet: zwischen Schönheide und Eibenstock (23 Opfer), zwischen Eibenstock und Wildenthal (17 Opfer), hinter Wildenthal und nach Oberwildenthal (zwischen Wildenthal und Steinbach 28 Opfer). Die Erschießungen am Ende des Marschzuges wurden immer von denselben Leuten ausgeführt, die zusammen mit dem Lagerführer des Zwickauer Lagers aus dem KZ-Lager Lublin (Majdanek) gekommen waren. In Johanngeorgenstadt übernachteten die Häftlinge des Todesmarsches in der gerade geräumten Fabrik des dortigen KZ-Außenlagers. Beim Antreten am Morgen des 16. April auf dem Fabrikhof wurden wieder zehn Häftlinge erschossen. Ein oder zwei KZ-Häftlinge, die "noch so einigermaßen lebten" und sich auf dem Auto mit den Toten niedergesetzt hatten, mussten dort verbleiben und sind nach Augenzeugenberichten mit ins Massengrab auf dem Friedhof geworfen worden.

Bärringen (16. April), Dallwitz, ein Vorort östlich von Karlsbad (17./18. April), Petschau (19. April), Willkowitz (4 km östlich von Marienbad) am 20. April und Plan (21. April) waren weitere Etappenorte des Todesmarsches.

An diesem 21. April wurden die Gruppen des Evakuierungsmarsches hinter Vlkovice von einem amerikanischen Tiefflieger angegriffen: 51 tote KZ-Häftlinge und ein erschossener SS-Mann. Am Morgen des 23. April hatten die amerikanischen Soldaten das Konzentrationslager Flossenbürg erreicht und befreit. Im Umfeld der Orte Tachau / Tachov, Schönwald / Lesná, Alt Zedlisch / Staré Sedlišt und Haid / Bor, etwa 30, 40 km von Flossenbürg entfernt, endeten die Todesmärsche aus Lengenfeld, Zwickau, Schönheide und Plauen - durch Erschießen, durch Flucht und letztlich durch Auflösung. Wie viele Todesopfer der Evakuierungsmarsch forderte, ist nicht zu klären. Ein großer Teil der KZ-Häftlinge hat jedenfalls die Strapazen, die Leiden und das Schreckensregime der SS-Wachmannschaften nicht überlebt.

Fernab jedweder Ideologie, jedweden Glaubens, jedweder Nationalität: Das Schicksal dieser Menschen sollte niemals vergessen werden.

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