Was ist der Unterschied zwischen "fliehen" und "flüchten"?

(Diese Frage hat Siegfried Franz aus Oelsnitz/E. gestellt.)

Der populäre Sprachexperte und Buchautor Bastian Sick ("Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod") gilt in solchen Fragen zu recht als Autorität. Auf seiner Webseite beschreibt er den Unterschied zwischen ,fliehen' und ,flüchten' wie folgt: "Er liegt im Antrieb. ,Fliehen' bedeutet 'schnell davonlaufen', daher hat auch der schnell davonhüpfende Floh seinen Namen. Wer flieht, der tut dies aufgrund eines selbst gefassten Entschlusses. ,Flüchten' stammt aus dem alten Jäger- und Kriegsvokabular und bedeutet ,in die Flucht geschlagen werden'. Wer flüchtet, der tut dies meist gegen seinen Willen, weil er verjagt oder vertrieben worden ist. Daher werden Heimatvertriebene meistens Flüchtlinge und selten Geflohene genannt."

Als Beispiel zur Veranschaulichung nennt Sick diese beiden Sätze: ",Die ersten Dorfbewohner flohen vor dem Feind.' Das heißt, sie rannten aus freiem Entschluss davon. ,Die letzten konnten nur noch flüchten.' Das heißt, sie wurden gegen ihren Willen vertrieben." Heißt das also, dass im Gegensatz zum Fliehen zum Flüchten auf der anderen Seite immer jemand gehört, der denjenigen, der an einem bestimmten Ort weilt, dort weghaben will? Muss da jemand sein, der diesen Platz für sich beansprucht oder die Anwesenheit des in die Flucht zu Schlagenden nicht länger wünscht? Und wie ist es beispielsweise im Gefängnis? Klar, wer es unerlaubt verlässt, flieht üblicherweise von dort. Aber wie ist es, wenn man dort durch Folter oder Tod bedroht wird? Flüchtet man dann oder flieht man immer noch? Onkel Max hat Bastian Sick gefragt. Der antwortet: "Sie haben recht mit der Annahme, dass man bei einer Flucht aus einem Gefängnis üblicherweise eher von ,fliehen' als von ,flüchten' spricht. Denn ,flüchten' deute ich als Folge einer Vertreibung. Wenn man im Gefängnis mit Folter oder Tod bedroht wird, so zielt diese Bedrohung nicht darauf ab, einen aus dem Gefängnis zu vertreiben, sondern lediglich einzuschüchtern. Eine Flucht aus einem solchen Gefängnis würde ich daher auch in dem von Ihnen beschriebenen Fall als Akt des Fliehens und nicht des Flüchtens beschreiben. Die Meinungen hierzu gehen aber auseinander. Es gibt (historisch gewachsene) semantische Überschneidungen zwischen ,fliehen' und ,flüchten', die eine klare Abgrenzung schwierig machen."

Allemal sind die beiden Verben, die sich mit "Flucht" und "flüchtig" ein Substantiv und ein Adjektiv teilen und nur bei den Partizipalkonstruktionen, zum Beispiel "Geflohener" und "Geflüchteter" einen Unterschied machen, ein schönes Beispiel für die Differenziertheit der deutschen Sprache. Zugleich zeigen sie, dass es nicht für jeden Zweifelsfall hundertprozentig eindeutige Regeln gibt. Selbst die Dorfbewohner, die im eingangs zitierten Beispiel als erste das Feld räumen, täten das ja nicht, wäre da nicht die latente Gefahr durch den anrückenden Feind, der sie irgendwann so oder so vertreiben würde. Sie nehmen mit dem Fliehen das Flüchten vorweg. Von einer rein freiwilligen Handlung träumt im Gegensatz dazu das poetische Ich aus Udo Jürgens' Schlager "Ich war noch niemals in New York": "Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehn", formuliert der von seinem eingeengten, kleinkarierten Alltag ermüdete Familienvater beim Zigarettenholen seinen heimlichen Wunsch. Er hätte nun wirklich die Wahl und müsste nur mit den Konsequenzen in Familie und Beruf leben. Aber: Vertreiben tut ihn keiner.

Andererseits kann das Verb "fliehen" auch die Aktivität von etwas beschreiben, was hinfort eilt ohne eigenen Willen, ohne Reaktion auf fremden Willen. Sondern nur, weil es in seinem Wesen oder dem der physikalischen Gesetze liegt, flüchtig zu sein. Die Zeit etwa flieht sprichwörtlich, schon bei den alten Römern ("Tempus fugit"). Bei den Wolken ist es genauso. Sie fliehen, weil sie ein Spielball sich je nach Temperatur ausdehnender oder zusammenziehender Luftmassen sind, im Volksmund "Wind" genannt. Der schickt sie nach dem Prinzip "wo eine Sache ist, kann keine andere sein" von Ort zu Ort. Nicht weil der Wind das so will, sondern weil die irdische Physik es so bestimmt.

Wer auf die Idee käme, zu sagen oder zu schreiben "die Zeit flüchtet" oder "die Wolken flüchten", müsste sich automatisch die Frage gefallen lassen: "Wer hat sie denn vertrieben?" Und genau diese Frage ist ein guter Indikator dafür, welches Verb im jeweils gegebenen Fall das Angemessenere ist: fliehen oder flüchten. (tk)

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