Wenn das Auto zum Feindbild wird

Zur Automesse IAA gibt es so viel Protest wie noch nie. Ein Fahrzeugtyp ist dabei besonders in die Schusslinie der Kritiker geraten.

Frankfurt (Main).

Der schwierige Umbruch der Automobilindustrie von vermeintlich klimaschädlichen Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor hin zur Elektromobilität gehört zu den Hauptthemen der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt, die am heutigen Donnerstag von Bundeskanzlerin Angela Merkel offiziell eröffnet wird.

Noch bevor die Autoschau am kommenden Samstag ihre Tore für die Privatbesucher öffnen wird, haben Klimaschützer erste Protestaktionen gestartet. Im Fokus der Kritik stehen sportliche Geländewagen - sogenannte Sport Utility Vehicles (SUVs). Für die Umweltorganisation Greenpeace steht beispielsweise außer Frage, dass SUVs im Widerspruch zum Pariser Klimaschutzabkommen stehen. Sie seien "zu groß, zu schwer, zu klimaschädlich". Erstmals könnten 2019 mehr als eine Million Neuwagen dieses Typs auf die deutschen Straßen rollen. "Auf der IAA werden Klimakiller gefeiert", sagte Greenpeace-Sprecherin Marion Tiemann. Ob die Geländewagen klassische Verbrennungsmotoren oder hochpotente Elektroantriebe unter der Haube haben, spielt kaum noch eine Rolle.

Befeuert wurde die Debatte über den Einsatz von sportlichen Geländewagen durch den Unfall mit vier Toten in Berlin-Mitte. Grünen-Politiker, die Deutsche Umwelthilfe und alternative Verkehrs- und Fußgängerverbände forderten Einschränkungen. Nach Einschätzung von Experten aus der Unfallforschung und der Polizei gab es aber keine Hinweise dafür, dass der Unfall mit einem anderen Auto anders verlaufen wäre. Porsche-Chef Oliver Blume will die Entscheidung über den Einsatz von sportlichen Geländewagen in Innenstädten den Autofahrern überlassen. "Ich halte relativ wenig von Regulierung", sagte er bereits am Dienstag in einem Fernsehinterview mit n-tv/RTL auf der IAA. "Nichtsdestotrotz kann man sich auch in den deutschen Städten Gedanken machen, ob SUVs da die richtigen Fahrzeuge sind." Diese Frage liege aber bei den Autofahrern selbst. "Das muss am Ende auch der Kunde entscheiden", sagte Blume weiter. Hersteller wie auch der Autobauer Daimler lehnen Einschränkungen wie Obergrenzen oder Einfahrverbote ab.

Blume sagte zu der Debatte über SUV in Innenstädten: "Ich persönlich habe überhaupt nichts gegen Diskussionen, wenn man da Argumente sachlich miteinander austauscht." Allerdings hält er den tragischen Unfall in Berlin nicht für den richtigen Anlass: "Für mich ist jetzt ein falscher Zeitpunkt, eine solche Diskussion zu führen", sagte er.

Wie grundsätzlich der Kampf gegen das Auto von Umweltaktivisten und Klimaschützern geführt wird, wurde durch ein Streitgespräch von VW-Konzernchef Herbert Diess mit der Aktivistin Tina Velo deutlich. Vor dem Gespräch hatte die unter einem Pseudonym auftretende Velo die Autoindustrie als "hochgradig kriminell" bezeichnet. Sie bilde zusammen mit der Politik ein "mafiös gestricktes Konglomerat", erklärte die Vertreterin des Aktionsbündnisses "Sand im Getriebe" . Im Gespräch mit Diess warf sie dem VW-Chef unter anderem vor, keine Konzepte zum Umbau der Mobilität zu haben und aus Profitgründen zu viele spritschluckende und klimaschädliche SUVs anzubieten. Das Leben in den Städten könne nur verbessert werden, wenn das Auto zurückgedrängt werde, erklärte Velo.

Diess reagierte auf die Anfeindungen bei der Vorstellung des neun Elektroautos ID.3. "Auch wenn es einige mit ihrer Weltsicht nicht wahrhaben wollen: Das Auto hat eine große Zukunft", sagte er. Denn es verliere seine negativen Eigenschaften, es werde sauber und sicher, meinte der VW-Konzernchef.

Die großen SUVs sind auf der IAA immer noch an jeder Ecke präsent. Schließlich wächst das Segment weltweit, und die Firmen verdienen mit größeren Autos mehr als bei den ausgereizten Kleinwagen. Weltweit liegt der Marktanteil von SUVs inzwischen bei 36,4 Prozent. Im vergangenen Jahr wurden in Europa rund 5,4 Millionen Fahrzeuge dieses Typs verkauft, in China sogar mehr als 10 Millionen Stück.

Auf der IAA stark umlagert ist der neue "Defender" von Land Rover - die britische Geländewagen-Ikone, die im 21. Jahrhundert auch mit einem "Urban Pack" angeboten wird. Dazu dichtet die Marketing-Abteilung: "Erobern Sie den Großstadtdschungel. Mit dem Urban Pack zieht der Defender in der Stadt mit Stil, Selbstvertrauen und Gelassenheit alle Blicke auf sich." (mit dpa)

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2Kommentare
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  • 1
    3
    Freigeist14
    12.09.2019

    Was für eine reißerische Überschrift . Das diese Asphalt-Traktoren im Widerspruch zum Pariser Klimaabkommen stehen dürfte jedem klar sein , der im Physik-Unterricht nicht nur geschlafen hat . Außerdem haben diese aufgebockten Pseudo-Geländewagen mit ihrem höheren Schwerpunkt nichts ,aber auch gar nichts mit Sportlichkeit zu tun.

  • 0
    0
    saxon1965
    12.09.2019

    "Sie bilde zusammen mit der Politik ein "mafiös gestricktes Konglomerat", ... sagte Tina Velo. Frau Velo stellt damit also die Systemfrage schlecht hin! Bravo!
    Vielleicht merken es ja bald paar mehr Menschen, wem das System vorrangig dient und dass Arbeitsplätze nur Mittel zum Zweck sind. Wenn man ohne die s. g. Arbeitgeber und Verbraucher reich werden könnte, würde man liebend gerne darauf verzichten. Sarkasmus aus!
    Warum sollte man einer Politik, die mit schlechtestem Beispiel (Verkehrs-, Umwelt-, Verbraucherschutzpolitik) seit Jahrzehnten vorangeht, die Zukunft anvertrauen?
    Es ist doch stets das Gleiche. Durch Verbote bei der breiten Masse so zu tun, als ob man wolle. An das Gewissen des Einzelnen zu appellieren, was prinzipiell auch wichtig ist, funktioniert doch wesentlich einfacher, als konsequent Politik zum Wohle des ... Volkes zu machen! Individuelle Freiheiten einschränken, anstatt durch Weichenstellungen in der Wirtschaft auch das Bewusstsein der Bürger zu schärfen. Will sagen, geht mit gutem Beispiel voran und die Menschen folgen. Das war schon immer so, leider auch bei schlechten Beispielen!
    Die Alternative wäre ja so neu auch nicht, aber wesentlich gefährlicher: Ein Volk wählt sich ein neues System, Frau Velo?



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