Wie hoch ist die Impfbeteiligung wirklich?

Sachsen gehört zu den Ländern mit der schlechtesten Impfbilanz - Dabei gab es 2018 hier nur zwei anerkannte Impfschäden

Impfungen gelten als die größte Errungenschaft der Medizin. Doch zu wenige machen Gebrauch davon, wie der Arzneimittelreport der Barmer belegt. Stephanie Wesely beantwortet wichtige Fragen.

Wie viele Kinder sind zur Einschulung vollständig geimpft?

Im Bundesschnitt hatten etwa 85 Prozent der 2011 geborenen Kinder 2017 laut Barmer alle 13 empfohlenen Schutzimpfungen. Am höchsten war die Quote bei Masern mit knapp 89 Prozent, gefolgt von Diphtherie, Keuchhusten und Tetanus mit jeweils 88 Prozent. Die niedrigste Beteiligung gab es bei Hepatitis B mit 77 Prozent. Die Daten der Schuleingangsuntersuchungen des Robert-Koch-Institutes (RKI) zeichnen aber ein anderes Bild. Dort hatten 97 Prozent der Kinder die erste und 93 Prozent auch die zweite Masernimpfung. Je 94 Prozent waren es bei der Impfung gegen Diphtherie, Keuchhusten und Tetanus. Mindestens 95 Prozent sind nötig, um die sogenannte Herdenimmunität zu sichern, das heißt, auch Kinder zu schützen, die noch zu jung für eine Impfung sind oder aus anderen Gründen keine Impfung bekommen können.

Wie kommt es zu den unterschiedlich hohen Impfquoten?

Das RKI hat Daten von Kindern ausgewertet, die einen Impfausweis vorgelegt haben. Doch fast jedes zehnte Kind hatte keinen, sodass der Impfstatus nicht ermittelt werden konnte. Das verfälscht das Bild. Das Institut schätzt selbst ein, dass die angegebenen Impfquoten vermutlich etwas zu hoch sind. Die Barmer hatte für ihre Analyse den Impfstatus von etwa 45.700 bei ihr versicherten Kinder anhand von Abrechnungsdaten der Ärzte überprüft. Das ist zwar realistischer, bildet aber nur elf Prozent aller gesetzlich Versicherten ab.

Welche Bundesländer haben die schlechteste Impfbilanz?

Tausende Kinder in Deutschland haben der Barmer-Analyse zufolge bis zum zweiten Lebensjahr keine einzige der 13 von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen erhalten. Die meisten Impfverweigerungen gibt es in diesem Alter in Bayern mit 5,3 Prozent, gefolgt von Sachsen mit 5,1 Prozent. Die beiden Bundesländern führen die Negativstatistik auch bei den Vierjährigen mit 4,5 beziehungsweise 3,6 Prozent an. Zur Einschulung waren es immer noch 3,5 Prozent der Bayern und 2,6 Prozent der Sachsen. Die wenigsten Impfverweigerer leben in Berlin und Brandenburg.

Welche 13 Impfungen empfiehlt die Ständige Impfkommission?

Zu den wichtigsten Impfungen gehört dem RKI zufolge der Schutz vor folgenden Krankheiten: Masern, Mumps, Röteln, Meningokokken C (Hirnhautentzündung), Wundstarrkrampf, Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung, Pneumokokken (Lungenentzündung), Haemophilus influenzae Typ b - Hib (Hirnhautentzündung, Lungenentzündung, Sepsis), Windpocken, Hepatitis B (Leberentzündung) und Grippe.

Wie häufig sind Masernerkrankungen?

Deutschlandweit gab es im Jahr 2016 laut RKI 325 gemeldete Masernfälle, in Sachsen 35. Im Jahr 2017 wurden besonders viele Ausbrüche registriert, bei denen 929 Menschen bundesweit und 17 in Sachsen erkrankten. Im vergangenen Jahr gab es 543 Fälle in Deutschland, acht im Freistaat. Der Rückgang hält in Sachsen aber nicht an. Bis Juli 2019 wurden im Freistaat bereits 16 Erkrankte registriert.

Aus welchen Gründen sind so viele Menschen ungeimpft?

Laut Professorin Noni MacDonald, einer Expertin der Weltgesundheitsorganisation aus Kanada, sind es meist unbegründete Ängste. Bei 13Prozent sei es aber auch einfach das Vergessen von Impfungen. Einer aktuellen Barmer-Umfrage unter 1000 Versicherten zufolge kannten 16 Prozent die Impfempfehlungen nicht, 20 Prozent waren sich nicht sicher, ob ihr Schutz ausreicht. Weniger als ein Drittel prüfe regelmäßig, ob eine Auffrischung nötig ist, sie verlassen sich auf den Arzt.

Warum ist der Schutz vor humanen Papillomaviren wichtig?

Die HPV-Impfung ist Professor Grant zufolge Infektions- und Krebsvorsorge gleichzeitig. Eine Infektion mit HPV zählt zu den häufigsten sexuell übertragbaren Krankheiten. "Praktisch alle Gebärmutterhalskrebserkrankungen sind mit HPV-Infektionen assoziiert. 1600 Frauen sterben jedes Jahr daran. Da Jungen oder Männer zu den Hauptüberträgern der Viren gelten, wird seit 2018 der Impfschutz auch für sie empfohlen. Zur Inanspruchnahme liefert der Report aber noch keine Daten. Von den Mädchen hatte bis zum 18. Lebensjahr mehr als ein Drittel keine HPV-Impfung. Die geringste Rate gab es in Bayern. Dort waren 60 Prozent nicht ausreichend geschützt. Im Alter unter 15 Jahren reichen zwei HPV-Impfungen, später sind es drei.

Wie gefährlich sind versäumte Röteln-Impfungen?

Eine Röteln-Erkrankung ist besonders für Frauen in der Schwangerschaft schwerwiegend. Im ersten Drittel der Schwangerschaft kommt es bei 90 Prozent der betroffenen Kinder zu einer bleibenden Schädigung, zur Fehl- oder Frühgeburt. Erkrankungen im zweiten Schwangerschaftsdrittel führen zu Defekten am Herzen, der Augen, des Innenohrs oder des Gehirns, wie Professor Grandt sagt. Im Jahr 2017 war laut Report jedes fünfte Mädchen im Alter von zwei Jahren nicht ausreichend vor Röteln geschützt. Bis zum Ende des sechsten Lebensjahres stieg die Immunisierungsrate zwar auf knapp 89 Prozent, doch nach dem Schuleintritt erfolgten praktisch keine Impfungen mehr. Für Grandt gehören Röteln-Erkrankungen zu den "Never-Events" der Medizin. Das sind Schadensereignisse, die sicher verhindert werden können und dramatische Folgen für die Betroffenen haben.

Wie viele Impfschäden gibt es in Sachsen?

Die Angst vor gesundheitlichen Schäden, die Impfgegner oft anführen, ist dem Gesundheitsministerium Sachsen zufolge unbegründet. 2018 seien im Freistaat zwölf Anträge auf Anerkennung eines Impfschadens gestellt, aber nur zwei bestätigt worden - bei schätzungsweise 2,4 Millionen Impfungen pro Jahr. Deutlich mehr Erkrankungen traten bei Ungeimpften auf.

Wie hat sich die Impfbereitschaft generell entwickelt?

Der Barmer-Report vergleicht den Impfstatus Zweijähriger, die 2010 und die 2015 geboren sind. Danach gibt es mit Ausnahme der Pneumokokken-Impfung bei allen anderen steigende Raten. Besonders hoch ist die Bereitschaft zur Impfung gegen Meningokokken C, den Erregern schwerer Hirnhautentzündungen. Hier waren von den 2015 geborenen Kindern 83 Prozent geschützt, von den 2010 geborenen nur 79 Prozent. Ein ähnliches Verhältnis zeigt sich auch bei den anderen Infektionskrankheiten. Doch die Rate ist immer noch viel zu gering, um auch Kinder zu schützen, die keine Impfung bekommen können, kritisieren Ärzte.

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