Wie nach dem Kalten Krieg die Welt von heute entstand

Kristina Spohr beschreibt lebendig die dramatische "Wendezeit" nach 1989

Ein Text von 800 faktensatten Seiten, der sich ausgezeichnet liest, aber kein Roman - das erregt jene Art von Bewunderung, die ein anmutiger Tänzer mit viel zu großen Schuhen hervorruft: Man fragt sich, wie er das macht. Kristina Spohr lässt die tragenden Ideen ihrer Weltgeschichte der "Wendezeit", die die Jahre 1989 bis 1992 umfasst, aus einer Überfülle an farbigen und lebendigen Miniaturen hervortreten. Es ist das Monumentalgemälde einer Impressionistin, immer den historischen Protagonisten hart auf den Fersen. Wer das liest, durchstreift die Flure der Macht in Peking und Paris, sitzt Helmut Kohl und Margaret Thatcher gegenüber, teilt Honeckers Angst, schmeckt Gorbatschows Zweifel und erliegt am Ende vielleicht Bushs Erschöpfung. Die Schauplätze wechseln wie in einem aufregenden Film, während sich das Drama zumeist im Kammerspiel der damals Mächtigen entfaltet.

Dass der Blick fürs große Ganze dabei nicht verloren geht, ist der souveränen Strukturierung der Fakten und dem stilistischen Können der Autorin (die das Buch auf englisch geschrieben hat) zuzuschreiben. Kristina Spohr, geboren 1973 in Westdeutschland, ist Professorin für Internationale Geschichte an der London School of Economics und hat seit 2019 eine Ehrenprofessur an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore (USA) inne, wo sie sich mit transatlantischen Fragen befasst. Sie ist Autorin einer Biografie über Helmut Schmidt, die 2016 auf deutsch unter dem Titel "Der Weltkanzler" erschienen ist.

Erkenntnisse der "Wendezeit": Während die Deutschen in ihrer Nabelschau zumeist allein den Mauerfall im Zentrum des Geschehens wähnen, gibt Spohr dem politischen Aufstieg Chinas ähnliches Gewicht, zu dessen Initialereignissen das Massaker vom Tiananmen-Platz am 4. Juni 1989 gehörte. (Der Originaltitel des Buches lautet: "Post Wall, Post Square". Nach der Mauer, nach dem Platz.) Spohr zeigt auch, wie viel damals vom Verantwortungsbewusstsein der Führer und der Belastbarkeit ihrer - auch persönlichen - Beziehungen abhing. Die Bedeutung der Ereignisse in Ländern wie Polen und Ungarn wird ins rechte Licht gerückt. Die Frage drängt sich auf: Wie wäre ein so epochaler Umbruch unter der Regentschaft rücksichtsloser, engstirniger Narzissten ausgegangen? Auch damals ging nicht alles gut, blieben Alternativen auf der Strecke. Es kam, was möglich war.

Ein Ärgernis am Rande, das die Sorgfalt der Autorin konterkariert, ist die Gestaltung des Schutzumschlags mit einem DDR-Foto aus den frühen 1980er-Jahren. Es soll wohl einen Denkmalsturz symbolisieren, zeigt aber das Berliner Marx-Engels-Denkmal in seiner Entstehung, im Künstleratelier auf Usedom. Warum dieses Bild? Das Buch, es spricht doch wohl vom Gegenteil.

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