Wo kein Metall zu "heavy" ist

Vor den Toren Leipzigs werden jährlich hunderttausende Tonnen Altmetall zurückgewonnen. Allerdings: Dass die moderne Gesellschaft irgendwann alle nötigen Stoffe aus Recycling beziehen kann, ist für Fachleute eine Illusion.

Espenhain/Freiberg.

Im hintersten Winkel auf dem Recyclinghof in Espenhain bei Leipzig steht das Kupfer säckeweise. Es stammt vorzugsweise aus Kabelschrott, also alten Kabeln, ist klein geschreddert und fein sortiert. Nun warten die Säcke darauf, dass sie verkauft, abtransportiert und in einer Kupferhütte - beispielsweise in Hamburg - wieder eingeschmolzen werden. Möglich gemacht hat das eine neue Anlage, für die extra eine alte Halle umgebaut wurde. Dort wird der Schrott quasi angesaugt, zerhackt und dann mithilfe von Luftdruck in roten, runden Kesseln, die von außen ein bisschen wie Turbinen wirken, zum Rotieren gebracht. Je nach Größe und Luftgeschwindigkeit können die Partikel sortiert werden. Am Ende spuckt die Anlage das wertvolle Kupfer separat aus.

Sechs Millionen Euro hat sie gekostet, die neueste Errungenschaft in Espenhain. Entwickelt wurde sie zusammen mit der Technischen Universität Bergakademie Freiberg, 2018 nahm sie den Betrieb auf. Elf neue Mitarbeiter wurden eingestellt. Insgesamt kümmern sich am Standort rund 400 Mitarbeiter des Branchenriesen Scholz Recycling sowie der Tochterfirma SRW Metalfloat um das, was die Menschen nicht mehr brauchen. Von der Waschmaschine bis zum Hochgeschwindigkeitszug. 500.000 Tonnen metallhaltige Abfälle können jährlich verarbeitet werden. Die Kupfer-Anlage ist dabei nur die jüngste Investition. Stolz sprechen sie in Espenhain vom modernsten Standort Europas.

"Die tiefe Sortierung und Aufbereitung ist einmalig", sagt Kay Weißflog, Leiter Forschung und Entwicklung bei der Scholz-Tochter SRW Metalfloat. Die Vielzahl zusammenhängender Anlagen und deren Kapazität sei weltweit unvergleichbar. Die Verfahrensschritte - Zerkleinern, Sieben, Sichten und Sortieren - stammen aus dem Bergbau. Sie werden aber stetig weiterentwickelt. Zusammen mit der TU Freiberg, aber auch einer eigenen Forschungsabteilung. So gibt es nassarbeitende Sortierprozesse, Sensoren unterscheiden die Materialien nach Farbe, elektrischer Leitfähigkeit oder der unterschiedlichen Schwächung bei der Durchdringung mit Röntgenstrahlung. Wirbelstromsortieranlagen, Elektro-Magneten und computergesteuerte Druckluftstöße sorgen dafür, dass die Materialien auf dem richtigen Förderband landen. Stahlschrotte, Aluminium, Zink, Zinn, Kupfer und Blei können in Espenhain wieder für die Produktion bereitgestellt werden.

Wer über das weiträumige Gelände marschiert, wo im Sekundentakt alte Autos im Schredder landen und die Berge aus sortierten Materialien in die Höhe wachsen, mag angesichts der Wegwerf-Mentalität am Begriff der menschlichen Zivilisation zweifeln. Doch weit gefehlt. Recycling ist eine Errungenschaft. Beispiel Stahl: Im Vergleich zum Abbau der nötigen Rohstoffe spart das Recycling mehr als 70 Prozent Energie ein und sorgt für knapp 60 Prozent weniger CO2-Emissionen, sagt Weißflog. Beim Aluminium-Recycling werden gar über 90 Prozent Energieverbrauch und mehr als 80 Prozent des Kohlendioxid-Ausstoßes vermieden. Rohstoffabbau werde durch Umwelteingriffe und mit großem Energieeinsatz teuer erkauft, so Weißflog. "Deshalb haben wir die Verpflichtung, in hohem Maße verantwortlich mit Rohstoffen umzugehen." Das sei umso mehr von Bedeutung, als die deutsche Industrie ihre Rohstoffe meist importieren müsse. "Bei Metallen sogar zu 100 Prozent."

Können also Anlagen wie die Neu-Investition von Espenhain also die Rohstofffrage lösen? Hans-Georg Jäckel ist da skeptisch. Jäckel ist derzeit Institutsdirektor bei der Professur für Recycling-Maschinen der TU Freiberg. Dass Recycling den Rohstoffbedarf Europas eines Tages komplett decken könnte, zählt für ihn in die Sparte "Recycling-Illusion". Denkbar seien maximal 20 bis 30 Prozent. Sekundärrohstoffe könnten aber die Marktlage stützen und Abhängigkeiten verringern. Wobei die Branche Jäckel zufolge vor vielen Herausforderungen steht. So beim Thema Elektromobilität. Noch längst ist nicht ausgemacht, wie sich Lithiumakkus dereinst in industriellen Größenord-nungen in ihre Bestandteile zerlegen lassen. Der Schredder kommt dazu jedenfalls kaum in Frage. Jäckel, der zu dem Thema forscht, weist auf einen Akkublock auf seinem Schreibtisch: "Wenn Sie da einfach mit dem Hammer draufschlagen, fängt er an zu brennen."

Zudem erschwert der zunehmende Einsatz von Verbundwerkstoffen und neuen Materialien das Recycling. Beispiel Windräder: "Mit aktuellen Verfahren lassen sich die Rotorblätter, die alle 15 bis 20 Jahre getauscht werden müssen, nur sehr schwer recyceln", sagt Weißflog. "Die Umweltbilanz fällt dadurch wesentlich schlechter aus, als es zunächst den Anschein hat." Beispiel Kohlefaserstoffe: Aus dem Automobilbau sind sie kaum mehr wegzudenken. Doch die Recyclingunternehmen bleiben auf ihnen sitzen. Eine wirtschaftliche Wiederverwendung ist noch nicht gefunden, für Müllverbrennungsanlagen brennen die Fasern einfach zu schlecht. Für die Recycler ein drängendes Problem: "Gegenwärtig sind die Verarbeitungskapazitäten deutlich reduziert worden, weil für heizwertreiche Reststoffe der Absatz in thermische Verwertungsanlagen fehlt", verdeutlicht der Chef der Entwicklungsabteilung. Sein Unternehmen hat mit anderen aus der Branche die sogenannte Recycling-Initiative ins Leben gerufen. "Oft sind Rohstoffe aus Primärquellen günstiger als in Deutschland unter hohen Umwelt- und Qualitätsstandards recycelte Rohstoffe", beklagt Weißflog. Recyclingrohstoffe und deren Aufbereitung könnten noch besser sein. Weißflog: "Dafür müssen aber die Politik, verschiedene Verbände und Industrieunternehmen mit Recyclern zusammen neue Ideen entwickeln."

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