1985: Freiberg erhält Mormonentempel

Der Mormonentempel in Freiberg war der erste Tempel dieser Glaubensgemeinschaft auf deutschem Boden. Das sorgte für neugierige Blicke in eine andere Welt.

29. Juni 1985: Es war eine Sensation. Der einzige Tempel der Mormonen, der in einem sozialistischen Land gebaut wurde, entstand in Freiberg. Am 29. Juni 1985 wurde die religiöse Stätte von Gordon B. Hinkley, Mitglied der ersten Präsidentschaft der Mormonenkirche, feierlich eröffnet. Mit dabei hatte der US-Amerikaner einen Brief an den Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, Erich Honecker, indem für die Möglichkeit der Errichtung des Tempels gedankt wird. Vor der offiziellen Ankündigung des Tempelbaus im Oktober 1982 hatten jahrelange Verhandlungen der Kirchenführung mit der DDR-Regierung stattgefunden.

Der Hintergrund: Die damals rund 5000 Mitglieder in etwa 40 Gemeinden der Mormonen in der DDR bekamen nur äußerst selten eine Reiseerlaubnis, um einen Tempel in Westeuropa zu besuchen. Der nächste Tempel lag damals in Bern in der Schweiz. Die Glaubensgemeinschaft der Mormonen, die sich auch als Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage bezeichnen, ist in den 1820er-Jahren in den USA entstanden und hat ihren Hauptsitz in Salt Lake City.

Vor der Einweihung des Tempels ermöglichten die Mormonen bei Tagen der offenen Tür elf Tage lang den Zutritt zu den Räumen, der sonst nur Mormonen gestattet ist. Das Interesse daran war in Sachsen riesig. Vor dem Tempel bildeten sich lange Schlangen. Rund 90.000 Besucher bestaunten die prunkvollen Räumlichkeiten des Tempels, der mit wertvollen Möbeln, Teppichen und Stoffen ausgestattet ist. Der Besuch des Tempels war für viele Bürger ein Blick in eine andere Welt.

Inzwischen wurde der Freiberger Tempel mehrmals erweitert und saniert. Die Erweiterung wurde notwendig, weil durch den Fall des Eisernen Vorhangs die Glaubensgemeinschaft der Mormonen auch in Osteuropa wuchs. Bis zum Bau eines weiteren Tempels in der ukrainischen Hauptstadt Kiew reichte der Freiberger Tempelbezirk bis nach Russland. Heute dient er den Mitgliedern der Mormonen in Ostdeutschland, Österreich, Tschechien, Ungarn, Polen und der Slowakei als Glaubensstätte.

Bei den Umbauten wurde 2002 auch eine goldene Statue des Engels Moroni auf dem Turm des Freiberger Tempels angebracht. Im Jahr 1823 erschien dem Gründer der Glaubensgemeinschaft, Joseph Smith, ein Engel namens Moroni, ein Prophet im Buch Mormon. Er spielt für die Mormonen eine herausragende Rolle, ist allerdings in der christlichen Bibel unbekannt.

In den Jahren 2015 und 2016 wurde der Tempel noch einmal aus- und umgebaut. Auch damals gab es wieder Tage der offenen Tür, bei denen Besucher die Möglichkeit hatten, die Räumlichkeiten des Tempels zu besichtigen, bevor der Tempel am 4. September 2016 erneut geweiht wurde. (cul)

Zum Beitrag über den Architekten Volker Benedix aus Freiberg: "Streitbarer Architekt, Maler und Politiker"

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