2006: Natascha Kampuschs Flucht vor ihrem Peiniger

Der Fall von Natascha Kampusch bewegte die Welt. Über Jahre wurde sie gefangen gehalten und missbraucht. Doch auch das Leben in Freiheit hält viele Tücken für die Österreicherin bereit.

24. August 2006: "Sehr blass ist sie, aber offenbar bei guter Gesundheit. Versteckt unter einer Wolldecke wird Natascha Kampusch nach einer ersten Befragung aus der Wiener Polizeiwache geführt. Acht Jahre lang war die 18-Jährige in einem Kellerverlies gefangen, bis sie am Mittwoch in einem unbewachten Moment ihrem Peiniger entfliehen konnte. Der beging am Abend nach ihrer Flucht Selbstmord und warf sich in Wien vor einen Zug. Die größte Fahndung in der österreichischen Geschichte hatte Natascha nicht ausfindig machen können - bis sie sich selbst befreite."

So berichtete auch die "Freie Presse" am 25. August und in den Folgetagen von dem Ende eines Entführungsfalls, der weltweit Schlagzeilen machte. Kampusch war als Zehnjährige auf dem Schulweg in Wien entführt und acht Jahre lang in einem Kellerverlies gefangen gehalten worden.

Auch Jahre nach ihrer erfolgreichen Flucht, holt sie ihre Vergangenheit immer wieder ein. Dass sie sich nicht als gebrochenes Opfer in der Öffentlichkeit zeige, werde ihr seit ihrer Selbstbefreiung immer wieder vorgeworfen, sagte sie im Oktober 2019, als sie mit einem Buch über den von ihr erlebten Hass im Netz an die Öffentlichkeit ging. "Sie sehen mich lächeln und kommen gar nicht auf die Idee, dass ich mich - gerade weil ich so viel Schreckliches durchgemacht habe - so freue, auf der Welt zu sein und meine Freiheit zu genießen", so Kampusch.

"Man hat mich schon habgierig, mediengeil, verlogen oder fresssüchtig geschimpft", schreibt Kampusch in ihrem mittlerweile dritten Buch. Sie habe lange gebraucht, um sich von diesen Worten nicht mehr verletzen zu lassen. Wieso ihr so viel Hass entgegenschlage, habe sie aber bis heute nicht verstanden. Die Angst, von anderen instrumentalisiert zu werden, sei ein ständiger Begleiter für sie geworden. Oft bemerke sie auch, dass Passanten auf der Straße heimlich Fotos von ihr machten, die später in Medien wieder auftauchten.

Zehn Jahre nach der Flucht vor ihrem Peiniger gab sie der Deutschen Presse-Agentur 2016 ein ausführliches, emotionales und sehr reflektiertes Interview. Auf die Frage: Konnten Sie dem Täter eigentlich vergeben?", antwortete sie vor fünf Jahren so: "Ja, schon. Weil die Person ja immerhin tot ist. Es gibt auch keinen Zweifel daran, dass er ein krimineller und kein guter Mensch war. Also vielleicht hatte er gute Seiten, aber er war kein guter Mensch in dem Sinne. So ist es für mich leichter, weil sich das mehr nach Gerechtigkeit anfühlt." (dpa/uli)

Zur Website von Natascha Kampusch

Zum Spiegel-Beitrag: 3096 Tage hinter einer schalldichten Tresortür (24.08.2006)

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