Zwei Mütter und ihre 15 Kinder - Wie kriegen die das bloß hin?

Zwei Frauen aus Sachsen sind für insgesamt 15 Kinder da, die beiden haben anspruchsvolle Jobs und engagieren sich darüber hinaus noch in der Politik. Das klappt.

Görlitz.

Viele Kinder, das war für Kristina Seifert ein Wunsch, den sie schon als kleines Mädchen hatte. "Ich weiß noch genau, wie ich als Zehnjährige mit dem Bus von Zittau in Richtung Bernstadt fuhr, um meine Oma zu besuchen", erzählt sie. "Und wie ich plötzlich die Vision hatte, irgendwann vier Söhne zu haben." Als Einzelkind wünschte sie sich damals eine große Familie.

Heute ist die 38-Jährige Mutter von fünf Söhnen und einer Tochter im Alter zwischen zwei und 19 Jahren, die sie gemeinsam mit ihrem Mann erzieht. Kristina Seifert arbeitet als freiberufliche Hebamme und ist seit vergangenem Jahr als Grünen-Stadträtin im Görlitzer Stadtparlament aktiv.

Auch Doris Bach engagiert sich seit 2019 bei den Grünen. Im November wurde sie in den Vorstand des Ortsverbandes Görlitz gewählt, seit Januar ist sie Schatzmeisterin des Kreisverbands. Sie und ihr Mann gehören zu den kinderreichsten Eltern der Stadt. Doris Bach bekam ihren ersten Sohn mit 25. Vor vier Jahren, mit 46, brachte sie ihr neuntes Kind zur Welt.

Bekannt ist sie als Biobäuerin, als Mitgeschäftsführerin der Görlitzer Waldorfschule bis 2017, für ihre nonkonformen Ideen, die Bildungslandschaft zu reformieren und das Freilernen zuzulassen. Als Inhaberin der Biobäckerei "Görlitzer Brotschmiede" ist sie eine der drei Finalistinnen des Adelie-Awards Sächsische Unternehmerin 2020.

Beide Frauen erfahren immer wieder, dass es bei anderen Erstaunen, manchmal Bewunderung auslöst, dass sie so viele Kinder haben. Mancher hegt aber auch Zweifel, ob eine große Familie nicht überfordern kann. "Ich empfinde mein Leben gar nicht als etwas so Besonderes", sagt Kristina Seifert.

Natürlich kenne sie Situationen der Überforderung: Wenn ein Baby zahnt, wenn die Kinder Wachstumsschübe haben, wenn die Pubertät Probleme macht. Bei sechs Kindern kommt manchmal alles zusammen. "Es gibt auch Situationen, in denen ich verzweifelt bin und mich frage, ob dieses Leben so zu schaffen ist", gibt Kristina Seifert zu. "Das sage ich ganz offen." Die gebürtige Zittauerin ist seit vielen Jahren freie Hebamme in Görlitz, war Mitgeschäftsführerin des Geburtshauses in Löbau und Familienhebamme des Landkreises Görlitz. Seit ihr jüngster Sohn in die Krippe geht, arbeitet sie im Klinikum Oberlausitzer Bergland in Ebersbach im Süden des Kreises, betreut aber auch Frauen in Görlitz vor und nach der Geburt.

Mit ihrer Arbeit im Görlitzer Stadtrat engagiert sie sich erstmals politisch. Sie hatte sich 2019 zur Wahl gestellt, um die grüne Görlitzer Oberbürgermeisterkandidatin Franziska Schubert zu unterstützen. "Aber ich muss auch realistisch sein und sehen, wie viel ich leisten kann", sagt Kristina Seifert. Bis vorige Woche war sie Sprecherin der Görlitzer Grünen, jetzt gab sie dieses Amt ab, um sich mehr dem Mandat widmen zu können.

Doris Bach sagt, das Erstaunen darüber, wie wenig sie dem Klischee einer vielfachen Mutter entspreche, nutze sie manchmal bewusst: "Wer erfährt, dass ich neun Kinder habe, ist häufig neugierig und hört mir genauer zu." Als Fan der gewaltfreien Kommunikation sagt sie: "Ich bin überzeugt davon, dass jeder Mensch glücklich werden und Frieden in die Welt bringen kann, wenn er in seinen individuellen Fähigkeiten erkannt und gefördert wird und sie entfalten kann."

Dieses Vertrauen in Menschen hat sie an Waldorfpädagogen erlebt, dieses Vertrauen hat sie selbst erfahren. Es ist der Kern ihres Freilernerkonzepts "Bildungswelten 21". Und sie setzt es in ihre Mitmenschen: ihre Angestellten, ihre Kunden, ihren Mann, ihre Kinder. Besonders für die Politik wünscht sie sich mehr von diesem Vertrauen: weniger Entscheidungen durch Mehrheiten, dafür mehr Basispolitik. Doris Bach ist eine Frau, die gern Verantwortung übernimmt, immer im Bewusstsein, diejenigen zu stärken, für die sie verantwortlich ist. Das bedeute in der Konsequenz auch, Aufgaben abzugeben. Andere sich entfalten zu lassen, helfe auch gegen Überforderung. "Ich habe mit der Zeit gelernt, daraus Kraft zu schöpfen."

Anders als Kristina Seifert, die aus der Region stammt, kommt Doris Bach aus Nordhessen. Doch ein Teil ihrer Familie ist in Uhsmannsdorf bei Rothenburg verwurzelt. Der Vater ihres Vaters wurde dort in den 1950er-Jahren als "Großbauer" in der DDR enteignet, seit 1974 war die Familie regelmäßig in der Oberlausitz zu Besuch. Als der Hof nach der Wende rückübertragen wurde und Doris Bach ihn 1995 übernahm, kam sie in ihre Heimat zurück.

Inzwischen hatte sie Hotelfachfrau gelernt, ein Hotel geführt und im medizinisch-technischen Bereich gearbeitet. Schwanger mit dem ersten Kind, begann sie in Uhsmannsdorf zusammen mit ihrem Mann einen Demeter-Biobauernhof aufzubauen. Das Konzept des Hofes, nach dem dieser sich selbst versorgen soll, ging nicht auf, weil das Land zu klein war. Aber aus der Bäckerei, die dazugehörte, wurde 2016 - nachdem die Familie ein Haus in der Görlitzer Altstadt saniert hatte - Doris Bachs "Brotschmiede".

Für beide Frauen ist klar, dass ein Leben mit Kindern, Berufstätigkeit und politischem Engagement nur möglich ist mit einem Mann an der Seite, der dieses Leben mitträgt und unterstützt. Auch durch Krisen und Konflikte hindurch, die wohl in keiner Familie ausbleiben. Auch für Kristina Seifert, deren Mann genau wie sie immer wieder in Elternzeit war, ist die Gleichberechtigung in der Ehe die Basis dafür, Familie, Beruf und Engagement verbinden zu können. Ihr sei es am wichtigsten, dass ihre Kinder bindungsorientiert und behütet aufwachsen. "Aber ich möchte ihnen auch ein Vorbild sein", sagt Kristina Seifert - und zwar "dafür, dass eine Frau nicht auf nur eine Rolle in der Gesellschaft festgelegt ist." (sz)

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