Als die Amerikaner in Westsachsens Städte einzogen

Der 75. Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkrieges rückt näher. Entlang der Autobahn bewegten sich im April 1945 die amerikanischen Streitkräfte durch die Region in Richtung Chemnitz. Die Erinnerungen der Betroffenen drohen zu verblassen.

Glauchau/Hohenstein-Ernstthal.

Die Zeitung hatte es angekündigt: Ein fünfminütiger Heulton der Sirene werde nicht mehr nur vor abgesetzten feindlichen Luftlandetruppen warnen, sondern auch vor Panzern. Was die Glauchau Zeitung am 13. April unter der Überschrift "Feindalarm - ein neues Signal" ankündigte, war wenig später bereits Realität. Fünf Minuten lang heulten in Glauchau die Sirenen. "Amerikanische Panzer der 4. Panzerdivision des XX. Armeekorps waren nach Überwindung des Rheins und späterer kleinerer Kampfhandlungen ohne nennenswerten Widerstand auf der Autobahn vorangekommen und hatten die Höhe bei Höckendorf erreicht." So schrieb der mittlerweile verstorbene Glauchauer Ortschronist Rolf Scheurer. Ohne große Schwierigkeiten sei es den Amerikanern gelungen, die Autobahnbrücke unbeschädigt in ihren Besitz zu bringen. So konnten die Kampfverbände noch am gleichen Tag bis zur Höhe Hohenstein-Ernstthal vordringen und am 15. April den Stadtrand von Chemnitz erreichen.

In jenen Apriltagen des Jahres 1945 war für die Bewohner links und rechts der Autobahn der schreckliche Krieg zu Ende. Viele Familien ereilte das Schicksal auf unterschiedliche Weise. Und manch einer kann sich gut an die Tage im April erinnern. Zu ihnen gehört der heute 89-jährige Heinz Schumann aus Glauchau-Höckendorf. Er erinnert sich daran, dass Rundfunk und Zeitung vor dem Einmarsch der Amerikaner gewarnt hatten. "Schnell wurden noch ein paar Einkäufe auf die Lebensmittelmarken erledigt", sagt Schumann. Am 13. April um 13.45 Uhr sei Höckendorf eingenommen worden. Der Volkssturm habe sich am Niclasbusch, am Eingang von Meerane, postiert und die Amerikaner beschossen, die wiederum ihr Feuer eröffneten. Danach standen ein paar Scheunen in Brand.

Noch am Nachmittag, so erinnert sich Schumann, musste seine Familie auf dem eigenem Gut das Wohnhaus räumen, weil sich dort die Amerikaner vorübergehend einquartierten. "Im Obstgarten des Bauern Reinhard Krug wurden einige Hundert gefangene deutsche Soldaten bewacht", sagt Schumann. Kurz darauf seien sie mit Lkw abgeholt worden. "An all das kann ich mich noch gut erinnern", sagt der Senior, der weiß, dass es nur noch wenige Zeitzeugen gibt und die Erinnerungen zu verblassen drohen.

Ein anderer Zeitzeuge aus Glauchau war angehender Facharbeiter, als er am 11. April 1945 zum "Volkssturm" nach Dennheritz in den dortigen Gasthof gerufen wurde. "Viele andere meines Alters ebenso. Etliche waren schon dort. Wir kamen in Etappen nach. Und so nahm ich einen der Frühzüge ab Glauchau nach Dennheritz", schrieb er in einem Leserbrief der "Freien Presse". Kaum waren sie damals eingetroffen, einige der Lehrlingskameraden fehlten noch, machten sich aus Richtung Altenburg über Meerane kommend, Jagdbomber bemerkbar. Nicht viel später krachte es aus Richtung Glauchau. "Die Nachkommenden waren in die Bombardierung des Glauchauer Bahnhofes gekommen. Sie sprachen von einigen Toten und vielen Verletzten", so der Zeitzeuge damals. Unter den Schwerverletzten sei ein Mädchen aus der Nachbarschaft gewesen.

Hohenstein-Ernstthal dagegen blieb unversehrt. Laut Bernd Bammler, Mitglied im Geschichtsverein der Stadt, ist in Hohenstein-Ernstthal nur eine einzige Bombe gefallen. Die verlor ein amerikanisches Flugzeug auf dem Rückweg von Chemnitz nach einem Angriff. Sie landete in der Nähe des Straßenbahndepots. "Ein paar Scheiben gingen zu Bruch. Sonst passierte zum Glück nichts", sagt Bammler. Einen Tag bevor die Amerikaner in der Karl-May-Stadt einmarschierten, hatte der NSDAP-Ortsgruppenchef drei Polizisten mit Handgranaten an die Autobahn geschickt, um die US-Armee aufzuhalten. Doch die drei warfen die Munition in einen Teich und verschwanden. Einen Tag später stand dann der stellvertretende Bürgermeister Zienert mit der weißen Fahne an der Autobahn und empfing die Amerikaner. Das war die Rettung für die Stadt.


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