Als die Basis das Ruder übernahm

Vor 30 Jahren wurde die IG Stadtökologie Zwickau aus der Taufe gehoben. Der Gründungsvorsitzende von damals erinnert sich noch gut, wie an jenem Novembertag im Wende-Herbst 1989 alles begann.

Zwickau.

Andreas Trautmann hat sich schon frühzeitig für Umweltschutz interessiert. "Für mich war es ein einschneidendes Erlebnis, dass ich die Mulde mal total farbig gesehen habe. Das hat mich geprägt, mal in dieser Richtung irgendwas zu machen", berichtet der 56-Jährige, der heute vor 30 Jahren zu den Mitbegründern der IG Stadtökologie Zwickau gehörte. Seine Ursprünge hat der Verein in dem 1983 gegründeten "Umweltkreis am Dom", der seit 1988 auch im "Konziliaren Prozess für Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung" mitgearbeitet hatte, sowie in der Arbeitsgruppe Ökologie des Neuen Forums.

Die Geburtsstunde schlug im damaligen Klub der Intelligenz, an der Ecke Schumannstraße/Dr.-Friedrichs-Ring (heute Volksbank). "Dort haben wir unsere jährlichen Naturschutzhelfertagungen abgehalten", berichtet Trautmann, der seit 1987 als ehrenamtlicher Naturschutzhelfer tätig war. "Der Druck war damals groß, allein wegen der Luftverschmutzung durch die Kokerei und Kraftwerke. Wir hatten eine Veranstaltung im Frühjahr 1989, da hat es schon rumort. Da haben sie es nochmal geschafft, die Wogen zu glätten. Am 16. November war aber alles zu spät." Nach fünf Minuten übernahm die unzufriedene Basis die Regie. "Da haben sich sechs Leute vorn hingesetzt und einen Vorstand gebildet. Das war unser Gründungstag", erinnert sich der Wilkau-Haßlauer. "Am 18. April 1990 haben wir uns dann als Verein eintragen lassen, als Nummer 24 im Vereinsregister."

Im Mittelpunkt der Arbeit standen zunächst Themen wie Reinhaltung der Zwickauer Mulde, die Erfassung von Deponien, die Luftverschmutzung, die Abwasserproblematik von damals noch existierenden Großbetrieben und der Schutz von Feuchtbiotopen. Im April 1990 konnte an der August-Bebel-Straße das erste eigene Büro, das Umweltzentrum, eingerichtet werden. Wegen zu hoher Mietforderungen mussten diese Räume nach einem Jahr wieder aufgegeben werden. Die IG Stadtökologie zog um ins Friedenszentrum in der Inneren Plauenschen Straße 16. Ab September 1992 wurde die Villa an der Walther-Rathenau-Straße 12 Domizil der unterm Dach des Bunten Zentrums angesiedelten Vereine und Gruppen.

Das Tätigkeitsfeld der Umweltschützer ist breit gefächert. Es reicht von Arbeitseinsätzen und Pflanzaktionen über Vorträge, Informationsveranstaltungen und Ausstellungen bis hin zu Stellungnahmen zu Bebauungsplänen. 1993 wurde an der Ernst-Thälmann-Straße der erste Amphibienschutzzaun aufgestellt. Heute verfügt der Verein über fünf derartige Schutzzäune im Landkreis: von Steinpleis über Reinsdorf bis Hartenstein. Von Lothar Zenner stammte die Idee, das Feuchtgebiet Maxhütte unter Schutz zu stellen. "Das ist bis heute einer der Schwerpunkte unserer Arbeit. Wir sind der größte Pächter in dem Gebiet", betont Andreas Trautmann.

"Anfangs waren wir 60 Leute. Das hat sich in den Jahren danach schnell gelichtet, weil sich viele arbeitsbedingt umorientieren mussten und weggezogen sind", bedauert der 56-Jährige. Darunter überaus fähige Leute, die sich kreativ eingebracht und Verantwortung übernommen hatten wie Olaf Schubert und Carsten Enders. Heute zählt der Verein circa 25 Mitglieder.

2010 erfolgte die Umbenennung in Grüne Liga Westsachsen. Anlass war ein permanentes Missverständnis. "Uns hat man dauernd mit einer Behörde verwechselt. Warum auch immer. ,Ihr gehört doch zur Stadtverwaltung!' hieß es oft. Das hat uns genervt", begründet Trautmann, der Anfang Februar 1990 in Buna selbst Gründungsmitglied der Grünen Liga war. "Inzwischen hatten wir unsere Aktivitäten ja auch auf die Region um Zwickau ausgedehnt."

Seinen Sitz hat der unabhängige Natur- und Umweltschutzverein an der Crossener Straße, auf dem Gelände der ehemaligen Stadtgärtnerei. "Wir haben in den vergangenen anderthalb Jahren 30 Container Müll dort herausgeholt", erzählt Trautmann, der nach dem Tod des Vereinsvorsitzenden Ronald Peuschel im März 2019 erneut den Chefposten übernahm. "Im Werkstattgebäude waren circa 20 Kubikmeter lose Dämmwolle, das ging nur unter Vollschutz mit Maske." Nächstes Jahr will man im Verein mit der Umweltbildung beginnen. Das Ziel: eigenen Nachwuchs heranziehen. Der Bewegung "Fridays for Future" begegnet Trautmann mit einer gewissen Skepsis "Demonstrieren können sie gut. Aber ich habe von denen noch keinen bei uns zum Arbeitseinsatz gesehen. Ich finde es aber gut, dass die Jugend mal wieder politisch geworden ist. Zwar sind einige Forderungen mit Vorsicht zu genießen, aber dass wir was tun müssen, da sind wir uns alle einig."


Kommentar: Aktiv langevor Greta

Manche jungen Leute, die sich heute an "Fridays for future"-Demonstrationen beteiligen, brav den Müll trennen und gelegentlich für Greenpeace spenden, mögen sich für Vorreiter einer Bewegung halten. Doch ihr Anliegen ist keineswegs neu. Engagement für den Natur- und Umweltschutz hat in Westsachsen eine lange Tradition. Unter dem Motto "Unten rütteln, damit's oben wackelt" hat die IG Stadtökologie Zwickau seit den 1990er-Jahren Defizite in der Umweltpolitik thematisiert und die Aufmerksamkeit auf dringliche Probleme gelenkt. Und das durch fantasievolle Projekte mit sozialer Ausstrahlung und ökologischer Vorbildwirkung. Dennoch erweisen sich 30 Jahre nach der Vereinsgründung Ziele von einst wie die autofreie Innenstadt als gar nicht mehr umsetzbar. Essind neue Probleme hinzugekommen, die Arbeit hat andere inhaltliche Schwerpunkte.

Eins hat sich allerdings nicht verändert: Das Motto bleibt "Global denken, lokal handeln". Begrenzte Deponiekapazitäten für hochgiftige Abprodukte oder Klimaveränderungen durch die Emission von Treibhausgasen lassen nicht erst seit dem Auftreten von Greta Thunberg ein düsteres Bild von der Zukunft erahnen. Viele Menschen sind durchaus sensibilisiert, es wächst die Bereitschaft, sich zu engagieren. Mit ihrer Umwelterziehung will die Grüne Liga über Ursachen der Umweltbeeinträchtigungen und -zerstörung aufklären, die Notwendigkeit eines ökologischen Umbaus der Gesellschaft vor Augen führen. Dafür ist ein beharrlicher Kampf nötig.


Techniker für Umweltschutz

Andreas Trautmann (56) ist 1985 im Zuge der FDJ-Automobilinitiative aus Barnstädt (bei Querfurt) nach Zwickau gekommen. Bis 1988 war er im VEB Sachsenring für den Wareneingang im Werk 3 verantwortlich. In jener Zeit ist er zur Friedensbibliothek gestoßen und engagierte sich im "Umweltkreis am Dom", den Küster Jörg Banitz geleitet hat. Nach einem kurzen Intermezzo bei der Post heuerte er im Mai 1989 bei den Wasserwerken Zwickau an, wo er als Gewässer-, Abfall- und Gefahrstoffbeauftragter tätig ist. An der TU Chemnitz absolvierte er ein Studium zum Staatlich geprüften Techniker für Umweltschutz (1990-92). Der Vorsitzende der Grünen Liga Westsachsen ist unter anderem Mitglied im Naturschutzbeirat des Landkreises. (tc)

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