Als Not und Elend in Glauchau fast zur Revolution führten

Heute auf den Tag genau vor 100 Jahren besetzte der Glauchauer Arbeiter- und Soldatenrat das Rathaus. Doch der Bürgermeister war gar nicht da.

Glauchau.

Paul Brink hat es verpasst. Als heute auf den Tag genau vor 100 Jahren der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete August Wilde in Begleitung von einer Abordnung Soldaten im Glauchauer Rathaus erschien und kundtat, dass ab sofort die Macht an den Arbeiter- und Soldatenrat übergegangen sei, war der Bürgermeister gar nicht da. Glauchaus Stadtoberhaupt Paul Brink weilte zu dieser mittäglichen Stunde in Dresden, kehrte erst am Abend des 9. November nach Glauchau zurück und erfuhr von den Geschehnissen. Aber das ist nicht der Grund, warum sich der Bürgermeister mit Vehemenz gegen die sich neu formierende Ordnung im gesamten Land und in seiner Stadt wehrte.

Der Glauchauer Hobbyhistoriker Jens Hummel hat lange recherchiert und die Geschehnisse in jenen Novembertagen vor 100 Jahren in dem Buch "Das Ende einer Epoche in Glauchau 1914 bis 1924" festgehalten. "In Glauchau war es schon speziell", sagt er. Bürgermeister Brink habe als Anhänger der untergehenden Monarchie die Anordnung des Arbeiter- und Soldatenrates überhaupt nicht ernst genommen und verlangte von den Rathausmitarbeitern und der Wachmannschaft, weiterhin strikt seinen Anweisungen zu folgen. Dieselben Leute hörten kurz vorher das Gleiche von August Wilde. "Eine unbefriedigende Situation, denn keiner wusste, wem er nun folgen sollte", sagt Hummel.

Hinzu kam, dass die Lage der Einwohner, die schon in den Kriegsjahren sich stets verschlechterte, nun noch prekärer wurde. Denn zu allem Leid und allen Entbehrungen kam die Ungewissheit hinzu. In Berlin wurde gleich zweimal die Republik ausgerufen, die bürgerlich-demokratische durch Philipp Scheidemann und die sozialistische durch Karl Liebknecht. Was war denn nun richtig? Und wo ging es zukünftig hin?

In diesem Spannungsfeld bewegte sich auch die Versammlung am 10. November im Glauchauer "Lindenhof". Jens Hummel hat herausgefunden, dass August Wilde, der im Namen des Arbeiter- und Soldatenrates zu Ruhe und Ordnung und Gewaltfreiheit aufrief, sich durchsetzte gegen Paul Grießmann, den späteren Mitbegründer der Ortsgruppe der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) in Glauchau. Für ihn und seine Mitstreiter der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) war das Festhalten an den bisherigen Strukturen gleichzusetzen mit dem Scheitern der Revolution. Die Mehrheit tendierte zu August Wilde, um in geordneten Bahnen in die neue Zeit zu gehen. Erschwerend kam in den folgenden Monaten hinzu, dass die Not der Bevölkerung kaum gelindert wurde. Die Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung gerieten immer mehr in Konfrontation mit dem Bürgermeister, sie warfen ihm reaktionäres Verhalten vor. Dies war für Lösung der Probleme, die da Hunger, Kälte, Not und Arbeitslosigkeit hießen, hinderlich. Die Auseinandersetzungen wurden schärfer. Doch erst nach dem Kapp-Putsch 1920 gelang es den Stadtverordneten im Jahr 1921, die Pensionierung von Paul Brink zu beschließen. Ihm folgte Otto Schimmel auf dem Bürgermeisterstuhl.

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