Bahnwerker halten Erinnerung wach

Der Film "100 Jahre RAW Zwickau" flimmert am 9. Mai über die Leinwand. Einer, der mit Westernhagen auf der Bühne stand, trommelte dafür mit.

Zwickau.

Seit vier Jahren ist Georg Schubert Rentner. Bis zuletzt arbeitete er in jenem Werk, in dem er 1968 seine Schlosserlehre begann: im Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) Zwickau. Vom Containerbau bis zur Wagenwerkstatt hat der Zwickauer nahezu alle Stationen im Werk durchlaufen. Der heute 64-Jährige sah das RAW in seiner Blüte, in jenen Tagen, als 3200 Mit- arbeiter in Lohn und Brot standen. Und er erlebte den Niedergang. Eine ganze Region kämpfte jahrzehntelang gegen den Schließungsbeschluss des Bahnvorstands an - vergeblich. Im Februar 2016 machten die letzten verbliebenen Mitarbeiter an der Bülaustraße das Licht aus.

Mit der Schließung des 1908 gegründeten Werks lassen sich Erinnerungen keineswegs auslöschen. Die Bahnwerker haben zudem selbst dazu beigetragen, dass Geschichte und Geschichten der Nachwelt erhalten bleiben. Anlässlich des 90. RAW-Jubiläums wurde von Mitgliedern des Film-Video-Studios des Bahnsozialwerks ein Streifen zur Historie gedreht. Zum 100. Jubiläum gab es eine Fortsetzung. Diesen Film "100 Jahre Eisenbahnwerkstätten in Zwickau: 1908 - 2008" will Schubert, Chef der zwölf Hobbyfilmer zählenden Gruppe, beim Treff der RAWler am 9. Mai im Seniorenbüro zeigen.

Die filmenden Eisenbahner, in deren Reihen heute auch Nicht-RAWler mitmachen, bildeten eine von vielen Arbeitsgemeinschaften, die unter dem Dach des Volkseigenen Betriebs angesiedelt waren. Georg Heinze, erster Leiter der Gruppe, mischt heute noch mit. Zudem habe es im Werk Klöppler und Schnitzer gegeben, Bücherei, Betriebsfunk, Betriebszeitung, Musiker, die RAW-Band Die Dominos ... Auch Urlaub konnten RAWler miteinander verbringen. Schubert zufolge gehörten zum Werk ein Ferienhotel in Schnarrtanne, Ferienhäuser in Zingst, Kühlungsborn, auf Rügen. An der Pöhl standen Bungalows bereit, in der Sächsischen Schweiz gab es ein Ferienlager. Möglich, dass all das dazu beitrug, dass ehemalige Arbeitskollegen sich heute noch regelmäßig treffen. Der Rentner erinnert sich aber auch an viele private Kontakte unter Kollegen, in seinen Augen ein Grund, warum er nie in Erwägung gezogen hatte, das Werk zu verlassen. Bis zum Schließungs- beschluss 2003. Als Betriebsratsmitglied kämpfte Schubert an vorderster Front für den Erhalt des Werkes, das für Neubauten und schwere Instandsetzung bekannt war. "Wenn wir nicht so viel gemacht hätten, wäre das Werk sicher schon zeitiger geschlossen worden", sagt der Zwickauer. Die Region stand immer hinter den Bahnwerkern, Oberbürgermeister, Kommunal-, Kreis- und Landespolitiker, Pfarrer, Gewerkschafter, ja große Teile der Bevölkerung machten sich für den Standort stark. Doch Zwickau wurde Schubert zufolge zugunsten des Paderborner Standortes geopfert. "Technisch gesehen", fügt der Schlosser, der vorübergehend ein paar Jahre in Paderborn arbeiten musste, hinzu, "war das RAW viel weiter. Das hat viele zornig gemacht." Bis Berlin fuhren die RAWler, hielten Mahnwachen ab, verteilten freche Flugblätter, die ihre Ziele nicht verfehlten. Die Bahn AG blieb hart.

100 Jahre Bahngeschichte haben die Zwickauer Filmer in ein 38-Minuten-Video gepackt: Da fliegen die Funken beim Schweißen und beinahe die Fetzen, als das Aus angedroht wird. Die Gruppe hat alles selbst gedreht, geschnitten. Schubert und Heinzes Kinder sowie Schlagzeuger Aaron Comess, der schon mit Marius Müller Westernhagen zusammen spielte, halfen bei der Musik. Dass die Filmer, die über ein eigenes Studio verfügen, Talent haben, konnten sie bereits bei Amateurwettbewerben beweisen. Georg Schubert hofft auf viele Begegnungen beim 2. Mitarbeitertreffen im Seniorenbüro. "Immerhin waren wir nach dem Sachsenringwerk Zwickaus zweitgrößter Betrieb", sagt Schubert.

Treff der RAW-Beschäftigten: 9. Mai, 15 Uhr, im Seniorenbüro, Kopernikusstraße 7 in Zwickau; Treff der BSW-Film-Video-Gruppe: immer montags, 9 bis 15 Uhr Güterbahnhofstraße 1. Interessenten sind willkommen.

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