Bernsdorfer erinnert sich an Zug mit Häftlingen

Ebert: Wachposten schlugen auf die Menschen mit Gewehrkolben ein

Glauchau/Bernsdorf.

Nachdem er von der Suche nach Augenzeugen der Todesmärsche in der "Freien Presse" gelesen hatte, meldete sich der Bernsdorfer Konrad Ebert. Er war damals, in den Apriltagen des Jahres 1945, als mehrere Züge mit KZ-Häftlingen durch die Region getrieben wurden, fünfeinhalb Jahre alt. "Noch heute höre ich das Getrappel der Holzschuhe, die die Häftlinge an den Füßen hatten", sagt er.

Seinen Erinnerungen nach zog zwischen dem 13. und 18. April 1945 ein Zug mit vorwiegend männlichen Häftlingen durch Bernsdorf. "Sie kamen aus Richtung Rüsdorf und wurden in Richtung Lichtenstein oder Hohndorf getrieben", sagt Konrad Ebert. Möglicherweise, so vermutet er, kam der Zug aus Reinholdshain. Die Eltern hatten damals den Kindern verboten, sich draußen aufzuhalten, aus Angst vor Fliegerangriffen. "Wir nahmen komische Geräusche wahr und kurz drauf sahen wir den Zug: Abgemergelte Männer in blau-grau-gestreifter Kleidung", erinnert sich der heute 80-Jährige. Einige gestikulierten, dass sie Hunger haben. Als ein Teil des Zuges plötzlich in eine Seitenstraße abbiegen wollte, reagierten die Wachposten mit ihren Gewehrkolben und schlugen auf die Menschen ein. Im Haus gegenüber, so erinnert sich Ebert, wohnte eine Familie, die Flüchtlinge aufgenommen hatte. Eine Frau aus dem Haus, die den Gefangenen Brot gegen wollte, sei ebenfalls mit Gewehrkolben-Schlägen daran gehindert worden. "Diese Bilder bekomme ich auch heute, 75 Jahre später, nicht aus dem Kopf", sagt der Mann. Woher der Zug genau kam, weiß Ebert nicht.

Seit vielen Jahren forscht Christine Schmidt aus Breitenbrunn über die Todesmärsche, die kurz vor dem Kriegsende durch Sachsen getrieben wurden. Sie hatte am Wochenende, anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Naziregimes einen Vortrag in der Kirche im Glauchauer Ortsteil Wernsdorf gehalten. Sie erhofft sich weitere Hinweise, die Auskunft über das Schicksal der KZ-Häftlinge geben können. Denn einige Fragen sind noch offen. Bisherige Erkenntnisse sind im Buch "NS Terror und Verfolgung in Sachsen" zusammengefasst, das die Landeszentrale für Politische Bildung im Jahr 2018 herausgegeben hat.


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