Die, die bleiben durfte

Als 1989 der große Ausverkauf der DDR begann, produzierte die Lichtensteiner Elegantia weiter - als einer der wenigen Betriebe. Doch es war ein Sterben auf Raten.

Lichtenstein.

Wenn eine Kugel in eine Formation aufgestellter Kegel rollt, fallen manche um. Und andere bleiben stehen.

In einer lichtdurchfluteten Halle steht eine junge Frau zwischen zwei Säulen. Ihre Stimme hallt durchs Mikrofon gegen nackte Wände. Vielleicht hundert Menschen sitzen vor ihr. Viele Frauen, die meisten mit weißem Haar. Jessica Bock, Jahrgang 1983, wurde in Bitterfeld-Wolfen geboren. Ihre Kindheit roch nach Schwefel. Auch sie habe den krassen Niedergang von Industrie vor Augen, als mit der Wende die DDR-Chemie-Hochburg in sich zusammenfiel. Heute ist Bock Historikerin, Frauen-Biografien sind eines ihrer Themen. Der Einstieg soll Eisbrecher sein an diesem Sonntagnachmittag, beim Museumskaffeeklatsch in der alten Lichtensteiner Elegantia. Bock will mit den Damen darüber sprechen, wie sie das Sterben der Textilindustrie erlebt haben. Ihrer Industrie. Doch das Eis ist dick. Nachbarinnen tuscheln, tauschen Blicke. Laut sprechen will kaum eine. Dann steht Christel Stolper auf.


Die Kugel, so könnte man sagen, hat sie verschont: Sie ist stehen geblieben. "Ich war eine von 100, die bleiben durften", sagt Christel Stolper. "Und war dann die Böse." Um die 300 Mitarbeiter waren bis 1989 in der Elegantia beschäftigt - fast alles Frauen, wie überall in den Textilbetrieben. Strickmode produzierten sie hier, Jacken, Pullover, vor allem für Exquisit, die DDR-Bekleidungsgeschäfte mit dem eher hochpreisigen Angebot. Mit dem Niedergang von Exquisit brach den Lichtensteinern der Hauptabnehmer weg. Die Rückgabe an die 1972 enteignete Gründerfamilie Kaufmann scheiterte, der Betrieb ging an die Treuhand. Entließ zwei Drittel der Mitarbeiter - es war ein Sterben auf Raten.

Warum Christel Stolper bleiben durfte, die Meisterin der Konfektion, andere aber nicht - das verstanden viele nicht. Auch ihre beste Freundin im Betrieb nicht, über Jahre redete sie kein Wort mit ihr. Der Zufall teilte Kollegien, Familien, Freundschaften: in die, die arbeiten durften. Und die, die arbeitslos waren und oft blieben. 223.000 Menschen waren 1989 in der DDR-Textilwirtschaft beschäftigt; heute sind es 16.000 in den neuen Bundesländern.

Nackte Zahlen. Sie können das Entsetzen nicht ausdrücken, das sich in der Stummheit fortsetzt, die durch den alten Stricksaal wabert, fast 30 Jahre später. Als Historikerin Bock von den Frauen wissen will, wie sie die Umbruchzeit erlebt haben, oder auch die Jahre davor.

Das Thema beschäftigt sie seit einer Weile. "DDR und Wende werden schon in den Medien aufbereitet", sagt Jessica Bock. Doch Frauen seien in diesen Erzählungen unterrepräsentiert. So sei es ja auch zuvor immer gewesen in der Geschichte. Dass Vorbilder fehlen, wirke sich auf die Sozialisation der Frauen aus. "Es fehlt die eigene Wertschätzung. Wer bin ich denn, fragen sich viele. Was habe ich denn zu erzählen?" Die Geschichten dieser Frauen, sagt Bock, wolle sie sichtbar machen.

Und auch Christel Stolper fragt leise, was sie denn zu erzählen habe. Am Tag nach dem Kaffeeklatsch mit der Historikerin kommt sie noch einmal in ihren alten Betrieb, der gerade kernsaniert wird. Ein bayrischer Investor hat den Backsteinbau gekauft, will Büros für IT-Unternehmen schaffen. Christel Stolper geht durch Flure und Säle, die mal Dämpferei waren und Konfektion, Stricksäle und Lager. Und erzählt dabei ganz viel. Von den Jahren im Betrieb - mit hat sie die Lehre begonnen. Von Unternehmen Kaufmann, der Pralinen verteilte für Extraarbeit. Von seiner Enteignung. Von Kolleginnen, die Freundinnen waren, und die sie dann entlassen musste, als nach der Wende die Investoren kamen und versuchten, aus dem Betrieb ein Privatunternehmen zu machen. Doch auch für die, die bleiben durften, wurde es ungemütlich - im Wortsinn. Als eine der ersten Maßnahmen wurde die Zentralheizung gekappt. Fortan musste Christel Stolp morgens ein Ölfass anwerfen. Es stand in dem Saal, wo ihr Schreibtisch lag. "Das stank nach Öl überall", sagt sie. Und kalt blieb es trotzdem in den Sälen. Von 100 auf 60 auf 30 auf 20 schrumpfte die Belegschaft. Christel Stolper, die Meisterin, musste mitentscheiden, wer ging. "Manche gucken mich bis heute nicht an", sagt die 67-Jährige. "Einmal habe ich gesagt, ich kann das nicht." Na dann musst du gehen, war die Antwort. Musste sie letztendlich auch so, 1998. Curelli Strickmoden hieß die Firma damals, und vielleicht hätte sie es am Markt geschafft, sagt Christel Stolper, wären nicht 2001 beide Eigentümer verunglückt, kurz nacheinander.

Zufall, Schicksal, wer weiß, was Leben durcheinanderwirft. Christel Stolper, die in Rente ging mit 47, sagt. "Es ist, wie es nun mal ist", sagt sie. Und lächelt dabei wehmütig.

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