Die letzte Begleiterin

Ehrensache! Engagiert in Westsachsen. Heute: Bei der Geburt eines Menschen wird ihm geholfen, doch beim Sterben bleiben viele allein. Über eine Frau, die die Stärke besitzt, Schwerkranken beizustehen.

Niederlungwitz.

Christine Pöschmann steht Menschen beim Sterben zur Seite. Was für viele nach einer unerträglichen Situation klingt, ist für die 57-Jährige eine erfüllende Aufgabe. Doch bis sie dazu kam, war es ein weiter Weg.

Als sie zu DDR-Zeiten Krankenschwester werden wollte, wurde sie mangels Bekenntnis zum Staat zunächst nicht angenommen. So wie ihr ging es vielen Christen. Durch ihren Ortspfarrer, der Verbindung zum Dresdner Diakonissen-Krankenhaus hatte, klappte es trotzdem. "Etwas Besseres konnte mir nicht passieren. Das Krankenhaus existiert noch immer, dort lernte und arbeitete ich von 1977 bis 1985. Wunderbare Freundschaften aus dieser Zeit prägen mein Leben auch heute", erzählt die Niederlungwitzerin. Weil sie nicht schon festgelegt sein wollte, ließ sie sich schließlich als Gemeindeschwester aussenden und landete in der Lutherkirchgemeinde Glauchau. Dort lernte sie auch ihren Mann kennen.

Nach nur anderthalb Schwester-Jahren folgten 18 Jahre Erziehungszeit. "Man sieht erst hinterher, ob der Versuch gelungen ist, die Kinder zu erziehen. Aber da sie sich alle regelmäßig sonntags am Mittagstisch bei uns treffen, können wir nicht alles falsch gemacht haben. Zumindest Nerven wie Stahlseile bleiben einem mit mittlerweile vier erwachsenen Söhnen erhalten." Diese Nervenstärke und vor allem ihr Glaube machen es Christine Pöschmann möglich, bestimmte Dinge gelassen zu nehmen. "Heute weiß ich, dass man mit Geduld vieles erreicht. Man muss warten können. Und ich habe durch meinen christlichen Glauben die Hoffnung, dass es mit dem Tod nicht aus ist. Ich bin sehr gespannt und voller Überzeugung."

Sensibilisiert für dieses Thema wurde sie bereits als Krankenschwester. "Kaum ein betroffener Patient erfuhr zu DDR-Zeiten, wie sterbenskrank er war. Mich regte es auf, wenn die Verwandten es verschwiegen. Dabei hat jeder Mensch das Recht auf die Wahrheit, wenn er sie wissen möchte, um sein Leben noch ordnen zu können. Ob er mit der Diagnose letztendlich zurecht kommt, steht auf einem anderen Blatt."

Krankheitsbedingt blieb Christine Pöschmann mit dem Renteneintritt ihres Mannes und nach fünf Jahren Arbeit in der Altenpflege zuhause, um sich mit ihm gemeinsam um Haus und Garten zu kümmern. Fest eingebunden in der Niederlungwitzer Kirchgemeinde, beim Singen im Chor, in Mütterkreisen und Kindergottesdiensten, wuchs ihr Wunsch, einen Hospizkurs zu belegen - ein Wunsch, der schon länger bestand, mangels Zeit aber lange nicht realisierbar war. Doch dann ergab sich der Termin wie von selbst und passte einfach. "Das war für mich das Zeichen: Jetzt soll es sein", erzählt sie. Schon im darauffolgenden September konnte sie nach der Zertifikatsübergabe durch den Freien Hospizverein Erzgebirgsvorland die erste Schwerkranke begleiten. "Ich habe das Glück, zu jeder Tages-und Nachtzeit einsatzfähig zu sein, bin jederzeit abrufbar. Mein Mann unterstützt mich, weiß um die Wichtigkeit meiner Dienste."

Den Kontakt zwischen dem Kranken und dem passenden Ehrenamtlichen stellt ein speziell geschultes Koordinationsteam her. Die Fälle sind so verschieden wie die Sterbenden selbst: ganz ohne Angehörige, in Heimen, in Krankenhäusern, auf Palliativstationen oder daheim mit teilweise überforderten Verwandten. "Zunehmend haben Familien Probleme, sich dieser Situation zu stellen, wenn es sie betrifft", sagt die 57-Jährige. "Manchmal halte ich einfach Nachtwache, damit Familienmitglieder endlich mal wieder schlafen können. Manchmal lese ich vor, singe Lieder oder bete mit Angehörigen, wenn sie das möchten. Immer bete ich auch für die Menschen zwischen Leben und Tod. Manchmal gibt es eine Lavendelöl-Massage, oder ich bin einfach nur da. Meine Erfahrung als Krankenschwester hilft mir."

Christine Pöschmann wünscht sich offenere Gespräche, denn der Tod gehöre zum Leben dazu. "In unserer Gesellschaft soll immer alles schön und glänzend sein, aber man muss das Leben nehmen wie es ist. Hospiz ist nichts für nebenbei, mit Trauer, Schmerz, Krankheit und Traurigkeit muss man umgehen können. Man muss auch nicht alles verstehen, was passiert. Aber für mich ist alles geklärt."


Evelin Stein (60) ist Koordinatorin beim Freien Hospizverein Erzgebirgsvorland mit Sitz in Glauchau und Limbach-Oberfrohna. Nicole Seidel sprach mit ihr. 

Freie Presse: Wie findet man den passenden Ehrenamtlichen für einen Schwerkranken?

Evelin Stein: Einrichtungen oder Privatpersonen nehmen mit uns Kontakt auf, wir besuchen direkt die zu betreuenden Personen und machen eine Aufnahme. Wir kennen unsere Vereinsmitglieder und finden heraus, wer passen könnte.

Wie oft wird ein Hospizdienst beauftragt?

Das kann man nicht pauschal sagen. Manchmal hat man am Tag drei Aufnahmen, manchmal in der Woche nur eine einzige.

Gibt es Unterstützung für die Hospizhelfer?

Wir führen ein normales Vereinsleben, haben viele Gruppenveranstaltungen. Am wichtigsten aber: Wir sind wirklich ein Team, man merkt, wenn einem etwas auf der Seele liegt. Wir vertrauen einander, haben eine offene und ehrliche Atmosphäre, achtsame Blicke füreinander.

Was ist die Motivation, im Hospizdienst zu arbeiten?

Die Motivationen sind völlig verschieden. Wir arbeiten nicht mit Sterbenden, sondern mit Lebenden, das darf man nicht verwechseln. Wichtig ist der Spagat zwischen Nähe und Distanz. Christine Pöschmann wird durch ihren Glauben gestützt. Anderen geht es so gut, dass sie etwas abgeben möchten. Manche Menschen sind einfach in der Lage, es zu tun. Dabei geht es nicht um Glaubensrichtungen.


Der Verein, der bereits zehn Jahre besteht, finanziert sich hauptsächlich durch Spenden, nur anteilsmäßig kann die Leistung bei der Krankenkasse geltend gemacht werden. Wer sich Schwerkranken und ihren Familien zuwenden oder den Hospizverein in anderer Weise unterstützen will, kann sich in der Geschäftstelle Glauchau, Ulmenstraße 4, melden. Ein neuer Kurs beginnt am 14. Juni. (nicos)

www.hospizverein-erzgebirgsvorland.de 

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