Die Meisterin der Zwischentöne

Ans Werk! Sie bauen, schleifen, schrauben, drehen und drechseln: Handwerker gestalten unser Umfeld. Die "Freie Presse" stellt einige Gewerke aus der Region in einer Serie vor - und schaut den Handwerkern bei der Arbeit auf die Finger.

Waldenburg.

Vom donnernden Straßenlärm der Fahrzeuge auf dem Waldenburger Markt ist bei Nicole Lorenz im Geschäft nichts zu vernehmen. Mit dem Schließen der Tür betritt man einen Raum der Ruhe. Eine Ruhe, nach der sich der eine Stressgeplagte sehnt, für den anderen jedoch bedeutet es leidvolles Schicksal. Seit mittlerweile fünf Jahren gehört das Geschäft Hörakustik Landgraf zum Bild auf dem Marktplatz. "Gleich nach meiner Ausbildung 2003 absolvierte ich meinen Meister, arbeitete bei der Firma Kind in Altenburg. Meinen Berufswunsch konnte ich mir direkt erfüllen", sagt die 37-jährige Angestellte.

Mit einer dreijährigen Ausbildung und dem abwechselnden Besuch von Theorie- und Praxisunterricht gibt es in diesem Ausbildungsberuf eine Besonderheit. "Wir haben nur eine einzige Schule in Lübeck, die in Deutschland ausbildet. Man wird in Blöcke mit beinah 1000 Schülern eingeteilt und lebt in dieser Zeit im Internat" so Johann Prachensky, Lehrling bei Nicole Lorenz. "In Lübeck erlernen wir Fräsen, das wird im heutigen Alltag kaum noch praktiziert, aber wir müssen es können und werden von Dozenten und Meistern darin gelehrt", sagt der 19-Jährige.

Außerdem erhalten die zukünftigen Akustiker Unterricht, der im Alltag weiterhelfen soll, denn nicht selten ist Fingerspitzengefühl im Umgang vor allem mit älteren Menschen nötig. "Oft treffen wir auf Personen, die völlig in sich gekehrt sind. Durch den Verlust des Hörens treten sie auch in ihrem Alltag immer weiter in den Hintergrund. Die sozialen Kontakte nehmen ab, Altersdepressionen nehmen zu. Dass es da schwierig ist, sich zu öffnen, das ist verständlich", sagt Lorenz. Führt der Weg eines Kunden dann doch zum Hörgeräteakustiker, hat er meist die erste Hürde der Scham überwunden. Mit einer Verschreibung vom Facharzt für Hals, Nasen, Ohren hat er den ersten Schritt zum Hörgerät getätigt.

"Da die Hörkurven von Tag zu Tag schwanken können, messen wir bei uns noch einmal nach und gleichen mit den Angaben auf dem Rezept ab", sagt Prachensky. "Eine grobe Einschätzung dient als Grundlage zur Geräteauswahl, da auch die Arten des Hörverlustes verschieden sein können." In ruhiger Atmosphäre führt man mit dem Kunden vorerst eine Unterhaltung, im Gespräch kommt meist der Leidensdruck zum Vorschein, auch Erkrankungen wie Demenz erfordern Geduld bei den Analysen. "In der Audiometer-Kabine mit einer Anlage, einer Messbox und Kopfhörern wird die Tonaudiometrie bewertet, also welche Frequenzen hörbar sind. Bei der Sprachaudiometrie spricht der Kunde Zahlen und Worte nach, das Verständnis wird getestet. Mit diesen Messergebnissen starten wir dann unsere Beratung."

Da in vielen Fällen das Verstehen vor allem im Störlärm nachlässt, geht man hierbei auf die Alltagsaktivität der Kunden ein, das individuelle Gerät wird gewählt. "Drei Geräte werden insgesamt getestet, meist beiderseits. Mehrere Wochen werden sie daheim ausprobiert, nachdem wir es gemeinsam mit dem Kunden eingestellt haben. Der Kunde merkt, dass viel passiert. Deshalb passen wir ständig an, auch die Batterien halten maximal zwei Wochen, dann kommt man wieder zu uns."

Und womöglich steht der Kunde plötzlich in einer neuen Welt: Das Geräusch des Blinkers im Auto, das Ticken der Küchenuhr oder das Schlurfen der Schuhe über den Teppich. Alles Reize, die das Hirn neu speichern muss, eine Überflutung, die empfindlich erschreckend wirken kann. "Wir müssen hier den Spagat in der Feineinstellung finden, damit das Gerät im Ohr getragen wird und nicht im Schrank landet", sagt Nicole Lorenz.

Mit dem endgültigen Gerät, welches die Krankenkasse bis zu sechs Jahre bezuschusst, verliert der Akustiker dennoch nicht den Kontakt zum Kunden, Wartungen und Reinigung erfordern quartalsmäßigen Besuch. Nur selten stehen Hörgeräteakustiker im Labor für Fräsarbeiten. Otoplastiken, die Ohrpassstücke, werden, um Druckstellen zu vermeiden, nachgefräst. Auch das Gießen der Rohlinge mit einem Zweikomponentensilikon nach anatomischen Vorgaben gehört zu diesem Handwerk.

Nicole Lenz arbeitet in einer relativ schnelllebigen Branche, die regelmäßige Schulungen erfordert und sich rasch mit technischen Neuerungen wandelt. "Was aber bleibt, was wir immer wieder feststellen, sind die Charakterveränderungen der Menschen. Von einst stummen Personen zu solchen, die wieder aufleben und am Leben teilnehmen. Man muss sich nur trauen und den ersten Schritt tun, auch wenn er schwer ist und oft von Verwandten nahegelegt wurde."

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