Firma schlägt kürzere Ausbildungszeiten vor

Der Logistikdienstleister Weck + Poller wächst stark, kann aber nicht entsprechend einstellen. Gemeinsam mit Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig lotete das Unternehmen Chancen aus.

Zwickau.

Die Liste mit offenen Stellen auf der Homepage ist lang. Sachbearbeiter werden genauso gesucht wie Disponenten, Schlosser und Berufskraftfahrer. "Jahrelang haben wir ausgebildet, aber es reicht einfach nicht mehr", sagte Karsten Schmidt, stellvertretender Sprecher der Weck + Poller Holding. Kann es wohl auch nicht. Denn das Unternehmen mit derzeit bundesweit acht Niederlassungen und mehr als 1000 Mitarbeitern wächst seit der Fusion der Firmengruppen Weck und Poller im Jahr 2007 stark. Wurde am Standort Zwickau eine neue Halle gebaut und bot für die nächsten Jahre scheinbar viel Kapazität, so war diese schon nach kurzer Zeit wieder erschöpft.

Als Dienstleister für die Automobilindustrie entwickelte sich das Unternehmen gleichfalls mit dieser stark wachsenden Branche. Derzeit werden etwa Winterreifen auf Felgen gezogen und in wenigen Wochen mit den firmeneigenen Speditionsfahrzeugen an die Autohäuser und -werkstätten geliefert. Insgesamt sind 420 Fahrzeuge der firmeneigenen Spedition unterwegs.

Karsten Schmidt nennt auch Gründe für den Lehrlingsengpass: Bei vielen Jugendlichen sei bei der Bildung noch viel Luft nach oben. Zudem sei der Facharbeiter für Lagerlogistik kein sehr angesehener Beruf. "Wir haben bereits intensiv in Technik investiert, aber Roboter stoßen bei uns an Grenzen", meinte Schmidt. Für die Nachwuchsgewinnung werden von dem Unternehmen bereits viele Möglichkeiten genutzt: Werbung in Schulen, Gymnasien und Hochschulen, es werden Praktikumsstellen angeboten und lernschwache Jugendliche unterstützt.

Dabei befindet sich der Ausbildungsmarkt in einem großen Dilemma. Einerseits stehen mit Friseurin/Frisör und Kfz-Mechanikerin/-Mechaniker bereits seit Jahrzehnten immer wieder dieselben Berufe auf der Wunschliste der Schulabgänger ganz oben. Die Vielfalt an Berufen und vor allem viele neue Berufs- bilder sind offenbar nicht bekannt. Entspricht der gewählte Beruf dann nicht den Erwartungen, wird die Ausbildung abgebrochen. Mittlerweile schmeißt jeder vierte Jugendliche eine Ausbildung hin und sucht sich etwas Neues. Zudem lernen rund 50 Prozent der sächsischen Schüler in Gymnasien mit Fokus auf ein Studium - das ist bundesweiter Trend. "Wir haben den Menschen viele Jahre das Gefühl gegeben, dass man nur mit Abitur eine berufliche Zukunft hat", pflichtet Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) bei. Das rächt sich jetzt: Viele Mittelschulen haben einen schlechten Ruf, in Industrie und Handwerk fehlen die Facharbeiter.

Für Weck + Poller stellt sich aber auch die Frage, ob Ausbildungszeiten von drei Jahren in einigen Berufen sein müssen. "Nach zwei Jahren will der Lehrling endlich Geld verdienen", sagte der geschäftsführende Gesellschafter René Meinel-Poller. Für Dulig ist das nachvollziehbar. "Allerdings besteht auch die Gefahr einer Schmalspurausbildung, und deshalb wird dieses Thema mit spitzen Fingern angefasst", meinte der Wirtschaftsminister.

Erfahrung mit ausländischen Jugendlichen hat das Unternehmen ebenfalls. "Das Sprachniveau B1 reicht nicht aus für die Berufsschule", meinte Meinel-Poller. Ein junger Mann aus Ungarn brach seine Lehre zwar ab. Nach einem Intensivkurs Deutsch will er aber einen zweiten Anlauf starten. Dulig lobt die Bemühungen. Er sieht jedoch unter anderem aus diesem Grund Probleme bei der Berufsausbildung von Flüchtlingen: Ich bin vorsichtig, Flüchtlinge als Lösung zu verkaufen. Man muss das sehr individuell sehen."

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