Fußgängerzone: Kommt Rolle rückwärts?

Mit der Freigabe der Leipziger Straße für den Autoverkehr setzt das Rathaus einen umstrittenen Beschluss des Stadtrates um, mit dem keiner froh ist. Jetzt wird ein Ausweg aus der Misere gesucht.

Glauchau.

Kann man schon durchfahren oder noch nicht? Das ist gestern die Frage im Glauchauer Stadtzentrum gewesen. Gestern Abend konnte man noch nicht. Und die Formulierung dieser Frage verdeutlicht das Dilemma: Mit ihrem Vorstoß, die Fußgängerzone Leipziger Straße für den Autoverkehr zu öffnen, wollten einige Händler der Innenstadt mithilfe der Stadtratsfraktion der Freien Wähler eben nicht, dass nur durchgefahren wird, sondern, dass man auch vor den Geschäften anhalten kann. Doch so kommt es nicht. Denn das, was bislang Fußgängerzone war, wird nun als verkehrsberuhigte Zone ausgeschildert. Und da herrscht neben Schritttempo eben auch Parkverbot, es sei denn, es sind Parkflächen markiert. Das wiederum ist nicht der Fall, sodass nur das Durchfahren bleibt.

Von den Intentionen der Befürworter ist nichts mehr übrig. Für Glauchaus Oberbürgermeister Peter Dresler (parteilos) ist die Situation einzigartig. "Einen Stadtratsbeschluss, mit dem überhaupt keiner zufrieden ist, hat man nicht alle Tage", sagt er. Auch bei ihm häufen sich die Beschwerden von Glauchauern, die sich gegen die Öffnung der Fußgängerzone aussprechen. Doch was der Stadtrat als höchstes Organ der Stadt beschließt, muss das Rathaus umsetzen. Aber es muss nicht so bleiben. Dresler kündigte gestern an, sich Anfang nächster Woche mit dem Ältestenrat - dem gehören alle Fraktionsvorsitzenden im Stadtrat an - zu treffen und die heikle Lage zu besprechen. "Wir nehmen die Sache sehr ernst", sagte das Stadtoberhaupt. Glauchau setzt offenbar zur Rolle rückwärts an. Was dabei herauskommt, bleibt derzeit noch unklar.

Der Stadtrat hatte vergangene Woche nach heftiger Diskussion mit knapper Mehrheit von CDU, Freien Wählern und FDP beschlossen, die Fußgängerzone rund um die Uhr für den Autoverkehr zu öffnen. Diese Regelung soll bis Jahresende gelten - quasi als Versuch, um herauszufinden, wie sich das auf die Umsätze der Händler und die Belebung der Innenstadt auswirkt. Und das war nicht das, was die Freien Wähler anfangs wollten, nämlich eine zeitliche Begrenzung auf die Kernöffnungszeiten der Geschäfte, Parkflächen und mobile Temposchwellen. Weil sie aber Mehrheiten brauchten, fragten sie bei der CDU-Fraktion an, ob sie dieses Vorhaben nicht unterstützen könnte. Die CDU sagte zu, modifizierte aber den Beschlussantrag, sodass am Ende die Öffnung der Fußgängerzone rund um die Uhr herauskam. Diese Variante fand dann im Stadtrat vorige Woche eine Mehrheit von elf zu acht Stimmen bei vier Enthaltungen.

Seit Bekanntwerden dieses Stadtratsbeschlusses regt sich unter vielen Glauchauern Widerspruch. Die Argumente: Keiner sei gefragt worden. Wenn dort Autos durchfahren, gefährde das die Fußgänger, vor allem die Senioren und Kinder. Sich in Ruhe hinzusetzen und Eis zu essen, gehe nicht mehr. Und auch Stadträte sind mit der eigenen Entscheidung, die Fußgängerzone rund um die Uhr für den Autoverkehr bis Jahresende zu öffnen, im Nachgang unzufrieden. Während CDU-Stadtrat Ulrich Schleife vom "Eigentor" spricht, versucht Stephan Wusowski (Freie Wähler) zu retten, was zu retten ist. Doch laut sächsischer Gemeindeordnung können die Stadträte erst nach einer Frist von sechs Monaten das Thema noch einmal aufrufen.

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