Gedenken an Pogromnacht: Das waren Glauchauer Einwohner

Vor 80 Jahren zogen Nazis durch Glauchau, entwürdigten jüdische Einwohner und demolierten deren Geschäfte und Wohnungen. Beim Gedenken daran wird die erschreckende Aktualität deutlich.

Glauchau.

Mitten in der Nacht fiel der Trupp in die Wohnung ein. Abraham Izbicki, der mit seiner Familie im Haus Am Graben 3 im Glauchauer Wehrdigt wohnte und dort einen Strumpf-Großhandel betrieb, wurde von den SA-Männern blutig geschlagen. Sie zerstörten Einrichtungsgegenstände und Waren aus dem Laden sowie das Mobiliar aus der Wohnung und warfen alles auf die Straße. Die Familie wurde gedemütigt, verhaftet und erst nach drei Tagen wieder freigelassen. Dieser Überfall geschah in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Wenige Stunden später - es war schon hell - schlugen SA-Leute auf der Leipziger Straße mitten im Glauchauer Stadtzentrum die Schaufensterscheibe des Geschäfts Reiter & Co mit Steinen ein. Inhaberin war die jüdische Familie Jäger. Im Innenraum des Kaufhauses wurde alles zerschlagen, Zivilisten wurden zum Plündern animiert. Das sind nur zwei Beispiele von vielen.

"Das waren Einwohner unserer Stadt", sagte am Freitag und 80 Jahre später Glauchaus Oberbürgermeister Peter Dresler (parteilos) und meinte dabei sowohl die Opfer als auch die Täter. "Ein Mob deutscher Bürger" sei damals durch Glauchau gezogen, um willkürlich Unschuldige, Frauen, Kinder, Alte und Wehrlose zu verprügeln, zu bestehlen, zu entwürdigen. Und heute, 80 Jahre danach, habe das Gedenken daran eine bedrückende Aktualität. Antisemitismus nehme erschreckende Formen an, auch in der Nähe von Glauchau. Doch die Qualität im menschlichen Miteinander bestehe darin, bei allen unterschiedlichen Auffassungen in gegenseitiger Achtung einen Konsens zu finden. Dies sei auch in der Glauchauer Kommunalpolitik ein hohes Gut. Peter Dresler hat am Freitag zum Gedenken an die Opfer der Pogromnacht an das Mahnmal im Glauchauer Schillerpark eingeladen. Gemeinsam mit dem Fraktionsvorsitzenden der Linken im Stadtrat, Andreas Salzwedel, legte er einen Kranz nieder.

Der Pfarrer der Glauchauer St. Georgengemeinde, Matthias Große, sprach vom 9. November 1938 von einem "Tag der Schande für das ganze Land". Menschen hätten sich über andere Menschen gestellt, weil sie der Meinung waren, etwas Besseres zu sein, weil sie Angst hatten, irgendetwas zu verlieren. Dies sei erschreckend aktuell. Aber, der in der deutschen Geschichte denkwürdige 9. November, sei auch ein Tag der Hoffnung - im Kontext mit dem Mauerfall auf den Tag genau vor 29 Jahren, der Menschen nicht getrennt, sondern verbunden habe. Und dieses Spannungsfeld zwischen Erschrecken und Hoffnung mache das Gedenken an diesen 9. November aus.

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