Grundstückskäufer zieht es in die Speckgürtel

Dank günstiger Kredite boomt der Bau von Eigenheimen in der Region. Um Chemnitz und Zwickau sind alle guten Flächen vergriffen, sagen Makler. Manchen Innenstädten bereitet der Trend Probleme.

Glauchau.

Bei der Frage, wo man in Westsachsen die besten Baugrundstücke kaufen kann, muss Gustav Rutzke lachen. "Die Baugebiete sind in den guten Lagen komplett erschöpft", sagt der Immobilienmakler aus Hohenstein-Ernstthal. Wegen der Niedrigzinsen sei die Nachfrage nach Eigenheimen enorm gestiegen - "für die guten Grundstücke habe ich eine lange Warteliste", sagt Rutzke.

Der wieder zunehmende Trend zum Eigenheim geht auch aus einer aktuellen Marktanalyse des Oberen Gutachterausschusses für Grundstückswerte im Freistaat Sachsen hervor. Demnach ist die Zahl der Grundstückskäufe für den "individuellen Wohnungsbau" im Jahr 2015 um 25 Prozent gestiegen.

"Berufspendler, die in Chemnitz oder Zwickau arbeiten, zieht es momentan in die Speckgürtel", sagt Rutzke - also in einige Teile von Wüstenbrand, nach Crimmitschau, Hohenstein-Ernstthal, Glauchau, Meerane, Werdau oder Lichtenstein. Diese Kommunen erlebten allerdings keinen starken Bevölkerungszuwachs; die Tendenz dort gehe eher zu Grundstücken als zu Mietwohnungen. Die Menschen ziehe es weniger in die Innenstädte, wie Rutzke betont. Trotz besserer Einkaufsmöglichkeiten seien in den Zentren oft nur sanierungsbedürftige Häuser, wenig attraktive Grundstücke oder eben Mietwohnungen zu haben. "Für Pendler ist das nicht sonderlich attraktiv. Die kleineren Städte sind die Schlafzimmer von Chemnitz und Zwickau. Da genügt es vielen, wenn Haus und Umfeld schick sind."

Für einige Innenstädte ist dieser Trend ein Problem. André Kleber, Stadtsprecher von Werdau, nennt ein Beispiel. Nach dem Beschluss, die große Plattenbausiedlung Sorge abzureißen, um Baugrundstücke auszuschreiben, sei die Nachfrage riesig gewesen. "Wir wünschen uns aber, dass das Interesse sich mehr auf das Zentrum richtet und dort die Mietshäuser saniert werden - das passiert kaum." Auch laut Marktanalyse sind Vermieter eher auf dem Rückzug: In nur einem Jahr sank der Erwerb von Grundstücken für "Geschosswohnungen" um 48 Prozent.

Rolf Heret vom Verband der Haus- und Grundeigentümer in Glauchau hat eine Erklärung für die Vermieter-Flaute: "Wer will sich heutzutage denn auf das Risiko einlassen, ein Mehrfamilienhaus zu kaufen oder zu bauen, wenn jetzt schon viele Wohnungen in den Innenstädten leer stehen? Die Leute haben Angst vor der schrumpfenden Nachfrage." Auch Heret beobachtet stattdessen eine wachsende Vorliebe fürs Wohnen im Grünen. "Die Leute wollen Qualitätsgrundstücke, auch wenn sie ländlicher gelegen sind und etwas mehr kosten."

Durch die starke Nachfrage steigen derzeit auch die Preise, wie Rutzke sagt. Der Bodenrichtwert liege in Hohenstein-Ernstthal bei 65 Euro pro Quadratmeter. Noch vor vier Jahren hätten gute Grundstücke auch unter diesem Preis ihre Besitzer gewechselt. "Inzwischen wird in beliebten Lagen oft bis zu 30 Prozent über dem Richtwert bezahlt." Diesen Trend beobachtet auch Ronny Wagner, Leiter der Immo-Zentrale der Sparkasse Zwickau. "In den letzten vier Jahren hatten wir in Zwickau mancherorts eine Preissteigerung von 30 Prozent", so Wagner. Gekauft wurde trotzdem: Die Sparkasse habe im vergangenen Jahr 56Grundstücke auf dem Trillerberg ausgeschrieben. Innerhalb eines Jahres waren alle verkauft. "Hier ist alles gefragt, schöne Drei- oder Vierraumwohnungen sind kaum mehr auffindbar", so Wagner. Zwickau sei in der Region eine Ausnahme. "Da droht keine leere Innenstadt."

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