Hier dreht sich alles um eine ruhige Hand

Ans Werk! Sie bauen, schleifen, schrauben, drehen und drechseln: Handwerker gestalten unser Umfeld. Die "Freie Presse" stellt einige Gewerke aus der Region in einer Serie vor - und schaut den Handwerkern auf die Finger.

Remse.

Die Faszination für die drehende Töpferscheibe begleitet Änne Tantow bereits in der Kindheit. Tatsächlich wusste sie sehr früh, dass ihre Kreativität - vor allem im handwerklichen Bereich - auch ihren späteren Beruf prägen soll. Obwohl ihr Vater als Fleischer einem anderen Handwerk nachging und er es gern in den Händen eines seiner vier Kinder gesehen hätte.

Änne Tantow aber wollte eines einfach können: So wie die Töpfer beim Parkfest in Waldenburg an der Scheibe arbeiten. Sie entschied sich nach ihrem Schulabschluss für eine zweijährige Lehre. "Heute sind dafür drei Jahre notwendig. Aber es werden einem nur Grundlagen beigebracht. Es benötigt viele Jahre, um sich Routine in diesem Handwerk anzueignen. Das geht definitiv nicht von heute auf morgen," sagt Änne Tantow.


Bevor sich die Töpferin nebenbei eine eigene Werkstatt einrichtete, lernte und arbeitete sie im damaligen staatlichen Kunsthandel in Waldenburg. "Von 1997 bis 2011 war ich angestellt, bereits 2008 meldete ich mein Nebengewerbe als kleine Firma an, und seit 2012 verarbeitete ich etliche Kilogramm Steinzeugton von zu Hause aus, meinem jetzigen Hauptberuf." An einer mit dem Fuß angetriebenen Demmelscheibe lernte die 56-Jährige, jetzt dreht die Töpferscheibe elektrisch. "Nur zu Schauvorführungen zeigt man es noch, heutzutage kommt diese weniger zum Einsatz." Aber das zu verarbeitende Material ist gleich geblieben: Vakuumierte Steinzeugton-Rollen aus Frohnsdorf zu je zehn Kilogramm lagern unter der Arbeitsplatte in Änne Tantows Werkstatt.

"Zuerst werden Portionen auf der Aufschlagbank geteilt. Man muss das abschätzen können." Ist der Wunsch der Kunden individuell, hat ein Töpfer zwar Anhaltspunkte, aber Formen per Augenmaß zu nehmen, ist besonders schwierig. Auch Serienanfertigungen haben ihre Tücken - mit dem Stichmaß werden Höhe und Weite eines Objektes bestimmt, aber nach Maß drehen, das können in der Regel nur echte Töpfer. "Nach 40 Jahren Handwerkserfahrung habe ich noch immer Ideen und liebe es, sie umzusetzen. Meine mittlerweile patentierte Keramikpyramide hat immerhin ein Jahr benötigt, vom ersten Gedanken bis zum fertigen Lieblingsstück." Grundwissen in Mathe und Chemie braucht die Töpferin außerdem. "Wir sprechen von 15 Prozent Schwindung beim Arbeiten mit Ton, das muss immer mit einberechnet werden." Ohne Wasser wäre ein Stück Ton hart wie Stein, erst wenn es biegsam ist, kann es bearbeitet werden. Doch dieses Wasser wird beim Brennen wieder entzogen, Trockenschwindung macht das Gefäß kleiner.

Vieler Arbeitsschritte bedarf es, bevor der Klumpen Ton tatsächlich eine Handwerksarbeit ist: Schon das Zentrieren des Materials auf der Töpferscheibe bereitet Anfängern Schwierigkeiten. "Schnell wird gesagt: Heute mache ich ein Teeservice! Aber da schmunzel ich nur, denn allein das Zentrieren ist für so manchen eine Herausforderung, aber enorm wichtig, damit der Ton nicht eiert," sagt Tantow. Ist der Klumpen zentriert, wird er mit Daumen und Zeigefinger aufgebrochen. Der Bodendurchmesser kann festgelegt und geglättet werden, dabei darf kein ganzer Durchbruch entstehen. "Vom Eierbecher bis zur Bodenvase, alle Griffe sind hierbei gleich. Meine Finger sind immer nass, damit ich gut arbeiten kann." Beim Schritt des kleinen Knöchelzuges macht der rechte Zeigefinger eine Kralle und drückt die Masse nach innen. Der Zangengriff lässt das Gefäß an Höhe gewinnen: Die rechte Hand zieht dabei den Ton nach oben, während die linke Hand drückt. Erst beim großen Knöchelzug drücken beide Hände und arbeiten von unten nach oben, um weitere Höhe zu erreichen.

Bei der Formgebung wird durch Druck das Gefäß gebaucht oder gekehlt. "Dann lässt man das Gefäß lufttrocknen, bis es lederhart ist. Solange es nicht im Ofen war, kann es jederzeit wieder "eingesumpft" und zurück zur Grundmasse geführt werden. Ton ist ein recycelbarer Rohstoff." Mit genügend Feuchtigkeit in der Oberfläche lassen sich nun Feinarbeiten ausführen. Henkel werden modelliert und angebracht, Muster mit Skalpell eingeritzt. Stempel, Ausstecher, spitze Messer und Modellierhölzer werden für künstlerische Arbeiten eingesetzt. Auch das "Ä" in ihrem Namen wird mit Stempelchen als Zeichen in ihren Arbeiten verewigt. Mit Schwämmen wird verwischt, eine feine Oberfläche entsteht. Mit einem Stockschwamm nimmt man das Wasser im Gefäßboden auf, der Abschneidedraht löst das Gefäß von der Scheibe. Um eine spätere Sprengung des Gefäßes im Ofen zu vermeiden, muss das gesamte physikalisch gebundene Wasser verdunstet sein. Hierfür stellt die Handwerkerin vorerst fertig getöpferte Waren auf einen ihrer drei Öfen, damit bei warmen Brennphasen alles Wasser verdunstet.

Danach folgt der erste Brand bei 960 Grad, der Schrühbrand. Transparente Feldspatglasur oder farbige Glasuren und Bemalungen, oft für Auftragsarbeiten, werden vor dem zweiten Brand aufgetragen. Bei 1260 Grad erfolgt der Glattbrand, der Ton geht erneut ein und versintert. Das in dem Ton enthaltende Quarz verglast und macht das Gefäß dicht. Bis zu zwei Tage kühlen die fertigen Arbeiten im Ofen ab. "Auch nach den vielen Jahren ist es für mich immer wieder ein Erlebnis, fertige Arbeiten aus dem Ofen zu nehmen. Gerade nach Experimenten ist dieser Moment sehr spannend für mich, man möchte endlich wissen, ob es gelungen ist." Neben ihrer Arbeit in der Werkstatt gibt Änne Tantow Kurse. In vier Schulen bereichert sie mit ihrer "AG Töpfern" das Angebot der Wahlmöglichkeiten für Schüler. Auch bietet sie an der Zwickauer Volkshochschule und in ihrer Werkstatt Kurse an.

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