Abo
Sie haben kein
gültiges Abo.
Schließen

Hochschule denkt für die Politik voraus

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Arbeitsbedingungen zu verbessern - das ist die Aufgabe künftiger Gesundheits- und Pflegemanager. An der WHZ speist sich das Wissen auch aus praktischer Erfahrung.

Zwickau.

Der Applaus ist längst verhallt, das Licht in den Fenstern erloschen - die Menschen in Gesundheits- und Pflegeberufen schuften noch immer an der Belastungsgrenze. "Es ist Zeit, etwas zu ändern", sagt Christian Pihl, Professor an der Fakultät für Gesundheits- und Pflegewissenschaften der Westsächsischen Hochschule Zwickau (WHZ). "Allein, sich nur zu beschweren bringt aber niemanden ans Ziel", sagt Student André Loose.

Beide sprechen aus praktischer Erfahrung, wenn sie vom Berufsalltag im Gesundheitswesen reden. Christian Pihl, an der WHZ Dekan in seinem Fachbereich, hat Anfang des Jahres auf der Corona-Station des Chemnitzer Klinikums gearbeitet. Sechs Wochen half er jeweils von Freitag bis Sonntag in einem Beruf aus, in dem er 20 Jahre lang nicht mehr aktiv war. Er hat in dieser Zeit die Pflegenden entlastet, gleichzeitig aber auch Kontakte geknüpft, um gemeinsam mit Menschen aus der Praxis nach Lösungen für die hohe Arbeitsdichte zu suchen.

Von der Politik erwartet er sich nur zum Teil Hilfe. "Vielleicht wird die Pflege zu einem Thema im Wahlkampf - allerdings steht das schon jetzt im Koalitionsvertrag." Viel getan habe sich nicht. Auch eine von mehr als 300.000 Menschen digital und analog unterzeichnete Petition sei einfach abgebügelt worden, ärgert er sich. Die Eingabe hatte verlässliche Arbeitszeiten gefordert, bessere Personalschlüssel oder auch eine konsequente Abkehr vom Profitdenken im Gesundheitswesen.

Während der Professor seinen Blick für die Belange der Pfleger geschärft hat, trat André Loose für eine andere Gruppe ein: Der junge Mann war maßgeblich daran beteiligt, ein Gesetz zu entwerfen, das die Ausbildung für Anästhesie- und Operationstechnische Assistenz regelt. Zwar werden diese Berufe bereits seit 1990 ausgebildet, einheitliche Regelungen gibt es jedoch nicht. Damit fehle die staatliche Anerkennung, sagt Loose, der sich zunächst in seinem Berufsverband engagiert und an Mitgliederversammlungen teilgenommen hatte. Inzwischen ist er ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender. Am 1. Januar tritt das von ihm mitverfasste Gesetz in Kraft. "Das ist ein richtig großer Schritt."

Den Notstand in Krankenpflege und -betreuung auf das Finanzielle zu reduzieren, sei zu kurz gedacht. Da sind sich Professor und Student einig. "Nach der Krise werden die Kassen leer sein, und das Gesundheitssystem wurde noch nie generös ausgestattet", so Christian Pihl. Also müssen auch andere Lösungen gesucht werden - aber nicht nur von außen, findet André Loose. "Pflegende sind eine große Gruppe, die schon allein angesichts der Anzahl der Beschäftigten bessere Bedingungen einklagen könnten." Dass dies kaum geschieht, habe viele Gründe. Arbeitsverdichtung, aber auch Altruismus sind zwei davon.

Sehr gut möglich also, dass die angehenden Gesundheits- und Pflegemanager, die derzeit an der WHZ studieren, den Kampf vorantreiben werden. An der Hochschule gibt es eine ganze Reihe von Projekten, in denen sich die rund 350 Studierenden des Fachbereiches engagieren. Sie sollten aber nicht die Einzigen bleiben, sagen die Beiden. "Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem", findet Christian Pihl. "Wir alle müssen uns fragen, wie wir später gepflegt werden wollen."

Eine Kleinigkeit hat er nach seiner Zeit auf Station selbst getan: Er hat das Chemnitzer Team für den Preis "Deutschlands beliebteste Pflegeprofis" nominiert. "Das finden die total toll, weil es meine Wertschätzung zeigt." Doch wie für Applaus gilt auch bei einem Preis: Damit ändert sich noch nichts grundlegend.


Suche nach neuen Wegen

Professor Dr. Christian Pihl ist Dekan der Fakultät Gesundheits- und Pflegewissenschaften der WHZ. Er hat in Zwickau seit 2009 die Professur für Gesundheitsökonomie inne. Seit einiger Zeit ist er auch auf Instagram aktiv - dort versucht er, mit Praktikern aus der Pflege Lösungen zu entwickeln, um Pflege- und Gesundheitsberufe attraktiver und unabhängiger vom Profitstreben zu machen.

Die Westsächsische Hochschule bietet zwei Bachelorstudiengänge an: Gesundheitsmanagement und Pflegemanagement. Studierende, die sich darüber hinaus bilden möchten, können entweder am Masterstudiengang Gesundheitswissenschaften teilnehmen oder berufsbegleitend Angewandte Gesundheitswissenschaften studieren. Zudem gibt es die Studiengänge Digital Health (Bachelor) sowie Medizin- und Gesundheitstechnologie (Master). (sth)

Das könnte Sie auch interessieren