"Ich werde mich auch weiter engagieren"

Die nach 29 Jahren aus dem Glauchauer Stadtrat scheidende Helga Scheurer über Erfolge und Ärgernisse in der Kommunalpolitik

Glauchau.

Seit der ersten freien Kommunalwahl im Mai 1990 gehörte Helga Scheurer dem höchsten Gremium der Stadt Glauchau an. Aus eigenem Entschluss ist die SPD-Kommunalpolitikerin dieses Jahr nicht wieder angetreten und hat den Stadtrat verlassen. Dennoch will sie sich weiter einmischen. Darüber hat Stefan Stolp mit ihr gesprochen.

Freie Presse: Frau Scheurer, Sie haben seit 1990 ununterbrochen im Glauchauer Stadtrat mitgearbeitet und traten zur diesjährigen Kommunalwahl aus Altersgründen nicht mehr an. Inwieweit schmerzt der Abschied?


Helga Scheurer: Dass ich aufhöre, war mein eigener Entschluss, und ich weiß schon jetzt, dass mir die Arbeit im Stadtrat fehlen wird. Ich bin auch davon überzeugt, dass sie nicht leichter wird. Meine Fraktion hat nach der Wahl einen Sitz weniger als zuvor.

Unter den SPD-Kandidaten war auch Ihre Tochter, Kathleen Scheurer. Hatten Sie gehofft, dass sie in Ihre Fußstapfen tritt?

Ehrlich gesagt, ja. Aber leider hat es nicht geklappt. Für die SPD traten unter anderem zwei junge Frauen an. Keine von ihnen hat den Sprung in den Stadtrat geschafft, dabei heißt es doch immer, dass sich mehr Frauen in der Kommunalpolitik engagieren sollten. Dem neuen Stadtrat wünsche ich Verstand, Energie und Erfolge zum Wohle der Stadt.

Das klingt ein wenig verärgert.

Bei aller Meinungsverschiedenheit im Stadtrat sollten nach wie vor Anstand und Respekt für den guten Ton sorgen. Dabei ist das Alter der Diskutierenden nicht ausschlaggebend.

Sehen Sie einen Generationenkonflikt?

Ein bisschen schon. Im Stadtrat gibt es eine Reihe von Kollegen, denen es weniger um eine attraktive Stadt, als vielmehr um Vergnügungen und Bequemlichkeiten im weitesten Sinne geht. Mein Credo in den letzten 29 Jahren war, sowohl die Wohn- und Lebensbedingungen als auch die Attraktivität der Stadt zu verbessern. Glauchaus unverwechselbares Gesicht mit den erhaltenswerten Gebäuden, den Parkanlagen, den Stadtgräben und den kulturellen Einrichtungen sollte bewahrt bleiben. Manche Kollegen im Stadtrat vermitteln den Eindruck: Was stört, muss weg.

Sie spielen auf die Palla an, deren Zukunft momentan heftig diskutiert wird.

Der Palla-Komplex ist ein großes Problem. Man ist sich einig, dass er das Stadtbild prägt. Deshalb ist es kaum nachzuvollziehen, dass es Stadträte gibt, die für den Abriss plädieren, weil der Erhalt zu teuer sei. Ich hoffe, dass die derzeit laufende Petition für den Erhalt der Palla zum Erfolg geführt werden kann.

In den Jahren Ihrer Stadtratstätigkeit sind Sie mit vielen Problemen konfrontiert worden. Welche sind denn aus Ihrer Sicht nicht gelöst worden?

Es ist uns allen leider nicht gelungen, die Innenstadt zu beleben. Gebäude mussten abgerissen werden, stattdessen entstanden Grünflächen, Parkplätze oder unansehnliche Sitzplätze. Die Idee vom "Balkon zur Unterstadt" an der Brüderstraße, gewissermaßen eine Art Aussichtspunkt zum Wehrdigt, sollte in Angriff genommen werden.

Apropos Wehrdigt. Dort verlief die Entwicklung doch positiv.

Der Stadtteil ist ein Beispiel dafür, wie Glauchau sein Gesicht verändert hat. Den Initiativen vieler Bewohner ist es zu verdanken, dass eine große Anzahl von Privathäusern saniert wurde, vor allem da, wo die öffentliche Hand die Straßen in Ordnung gebracht hatte. Aber auch die Glauchauer Schullandschaft einschließlich die der Kindertagesstätten zähle ich zu den Erfolgen in der Stadtentwicklung, auf die ich stolz bin und an der der Stadtrat großen Anteil hat. Als positiv bewerte ich auch die Sanierung der Hirschgrundbrücke und des Toilettenhäuschens am Schillerpark.

Andere Vorhaben, die der Stadtentwicklung gut getan hätten, scheiterten - wie die Landesgartenschau.

Ja, leider. Dass es mit der Landesgartenschau nicht geklappt hat, ist sehr bedauerlich.

Sollte die Stadt einen neuen Anlauf starten?

Ich glaube nicht, dass sich dafür Mehrheiten im Stadtrat finden werden, denn die Begeisterung hielt sich bei einigen Räten schon bei der zweiten Bewerbung sehr in Grenzen.

Worüber haben Sie sich als Stadträtin denn am meisten geärgert?

Die Arbeit hat nicht immer Freude bereitet. Häufig war ich mit dem Abstimmungsergebnis absolut nicht zufrieden. Und das nimmt man dann mit nach Hause. Die Neugestaltung des Schlossvorplatzes ist dafür beispielhaft. Wie viele Glauchauer und Gäste unserer Stadt halte ich das ganze Projekt für unansehnlich und für rausgeworfenes Geld. Der Ansicht auf das Schloss gereicht es keinesfalls zum Vorteil.

Aber die Mehrheit des Stadtrates hat den Plänen zugestimmt.

Ja, damit muss man leben. Dabei ging es wohl in erster Linie um die Eisbahn im Winter.

Es gibt also noch viel zu tun zum Wohle der Stadt.

Ja, und ich werde mich auch weiter engagieren, zum Beispiel im SPD-Ortsverein. Glauchau steht vor großen Herausforderungen und hat viele Probleme zu bewältigen. Momentan habe ich aber den Eindruck, dass in der Stadt mehr verwaltet und kaum gestaltet wird. Uns fehlt manchmal nicht nur das Geld, uns fehlen häufig die Ideen, und da nehme ich mich nicht aus.

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