In kleinen Schritten zurück ins Leben

Im Jugendcafé an der Oststraße in Meerane treffen sich Jugendliche, die tief gefallen sind. Beim Frühstück kommen deren Probleme auf den Tisch.

Meerane.

Mike ist mächtig stolz. Nach vielen Jahren hat es der 30-Jährige geschafft, sieht sein Leben allmählich wieder in geordneten Bahnen verlaufen. Er geht darüber hinaus einer Beschäftigung nach. Doch längst nicht jeder der jungen Frauen und Männer, die sich im Jugendcafé an der Oststraße in Meerane sehen lassen, können solche Erfolge vorweisen. Denn dem Großteil der jungen Leute fällt es eher schwer, sich von der Last, die Drogen, Alkohol oder auch das zerrüttete Elternhaus mit sich bringen, zu befreien. Im schlimmsten Fall landen sie nach dem Rausschmiss aus der elterlichen Wohnung auf der Straße. Die Folge: Obdachlosigkeit.

Holger Heine, der sich seit mehr als 20 Jahren als Mitarbeiter der St.-Martins-Kirchgemeinde um diese Jugendlichen und deren Probleme kümmert, ist zumeist der letzte Rettungsanker. Mit manchen arbeitet der 52-Jährige schon mehr als zehn Jahre. "Solche Menschen leben zwischen dem ständigen Auf und Ab, zwischen Erfolg und Rückfall in die Sucht. Daher kriegen einige ihr Leben erst nach vielen Jahren wieder in den Griff", erklärt der Sozialarbeiter, der im täglichen Umgang mit den Jugendlichen nichts erzwingt. "Das bringt gar nichts", stellt Heine klar. "Die Leute müssen wollen. Wer sich komplett abschottet, den kann auch ich nicht helfen."


Doch glücklicherweise mache es bei einigen irgendwann Klick im Kopf, die dann begreifen, dass sie ohne Hilfe nicht mehr auf die Beine kommen. In dem Zusammenhang greift Heine gern auf das bekannte Zitat "Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt" zurück. Auch Heine habe von den Jugendlichen etwas gelernt, nämlich Geduld. Denn die braucht der Sozialarbeiter, um überhaupt zu begreifen, was in den Köpfen vor sich geht, warum sie in diese prekäre Lage gekommen sind. Dabei hilft auch das vor elf Jahren ins Leben gerufene Frühstücksangebot. "Ein voller Bauch redet gern", begründet der Meeraner das Prinzip. Denn die Betroffenen haben kaum oder gar kein Geld, und damit auch nichts zu essen. Damit sich das ändert, erledigt Heine mit den jungen Leuten diverse Behördengänge: Jobcenter, Agentur für Arbeit, kommunale Verwaltungen. Denn Beschäftigung sei für die Betroffenen das Wichtigste. "Doch allein das Ausfüllen der Anträge stellt schon für einige eine Hürde dar", sagt Heine. Und nicht nur das: Es gebe auch Frauen und Männer, die weder richtig schreiben oder lesen können.

Schon daher ist Heine froh, dass sich das Jugendcafé ins Programm "Ein Quadratkilometer Bildung" einklinkt, das 2020 startet. Wie Rathausmitarbeiterin Jasmin Wellner sagt, sollen mithilfe des Projekts auch für Kinder und Jugendliche in "sozial benachteiligten Stadtteilen" umfassende Bildungschancen geschaffen werden. Aus ihrer Arbeit weiß die Sozialarbeiterin, dass es Eltern gibt, die "ihre Kinder aufgrund ihrer Lebenslage nicht in dem Maße unterstützen, wie es nötig wäre". Auch arbeitet Heine mit dem Jobcenter zusammen. Wie dessen Sprecherin Diana Malolepszy klarstellt, werden für "Jugendliche mit komplexen Problemlagen" innerhalb der Eingliederungsleistungen spezielle Maßnahmen angeboten.

Unterdessen hofft Pfarrerin Birgit Birkner, dass das Projekt noch möglichst lange existiert. Denn neben der Landeskirche steuern auch die Stadt Meerane und der Landkreis Zwickau die erforderlichen Fördermittel bei. "Dass wir das Jugendcafé brauchen, liegt auf der Hand. Letztlich ermöglicht das Projekt Hilfe zur Selbsthilfe", betont Birkner.


Ein Quadratkilometer Bildung

Die Stadt Meerane beteiligt sich am Projekt "Ein Quadratkilometer Bildung", das die Freudenberg-Stiftung bereits in zehn Orten durchführt. Der Stadtrat hat bereits grünes Licht für das auf zehn Jahre angelegte Vorhaben gegeben.

Kommune und Stiftung haben sich für das Projekt auf das Wohngebiet Oststraße/Remser Weg geeinigt. Denn die Initiatoren suchen nach Stadtteilen, die unter sozialem Druck stehen. Basis der Arbeit bildet eine aktive Netzwerk- und Elternarbeit. Im weiteren Verlauf sammelt die Stadtverwaltung alle für das Projekt erforderlichen Sozialdaten. Später sind auch Workshops geplant. Daran beteiligt sich auch das Jugendcafé. (jwa)

Ein Quadratkilometer Bildung

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