Jede Thieme-Treppe ist ein Unikat

Ans Werk! Sie bauen, schleifen, schrauben, drehen und drechseln: Handwerker gestalten unser Umfeld. Die "Freie Presse" stellt einige Gewerke aus der Region in einer Serie vor - und schaut den Handwerkern bei der Arbeit auf die Finger.

Meerane.

Ein sehr altes und angesehenes Handwerk ist das des Tischlers. Bereits im 14. Jahrhundert entwickelte es sich aus dem der Zimmerei, - ein Handwerk, dass Hobel als Werkzeug und Leim als Verbindungsmittel benutzen darf. "Der Hobel gehört auch in unser Zunftzeichen, mit Winkel und Zirkel ist es komplett. Allerdings wird der Zirkel eher selten benutzt", sagt Fabian Thieme, selbstständiger Tischlermeister. "Mein Vater hat gern gebaut, aber es gab keinen Tischler in der Familie. In den Ferien habe ich mich damals in diese Richtung orientiert, und früher war man froh, dass man eine gute Lehrstelle bekam."

Die dreijährige Lehre beendete Thieme 1996, arbeitete in einer Tischlerei, die sich von Grund auf neu mit dem Thema Treppenbau beschäftigte. "Zwei Monate nachdem ich meinen Meisterbrief in den Händen hielt, machte ich mich selbstständig. Das ist mittlerweile 15 Jahre her, und ich kann sagen, wir haben uns auf den Treppenbau spezialisiert." Nachdem der 42-Jährige 2006 dann ein heruntergekommenes Grundstück mit maroden Gebäuden in Meerane erworben hatte, konnte er es aus eigener Kraft und mit überzeugter Motivation ausgiebig sanieren, Zuhause und Betrieb vereinen. "Nur 20 Meter zwischen Wohnhaus und Firma erleichtern mir den Alltag", sagt er. Facettenreich, interessant und anstrengend bezeichnet der junge Familienvater seinen mit Herzblut nachgegangenen Beruf. Bei den Aufgaben im Büro wie Kundenakquise, Auftragsvorbereitung, Materialbestellung hat er keine Unterstützung, bereitet für die drei Gesellen alles vor. Das Arbeitspensum ist entsprechend. Aber er hat einen gewissen Anspruch an seine Tätigkeit, wie er sagt. Arbeitet selbst liebend gern mit Holz. "Es ist nicht bloß das Geldverdienen, was dahinter steht", lautet sein Anspruch. Fundiertes Fachwissen, Zusammenhänge im Betriebsablauf und eine gewisse Routine lässt den Tischlermeister auf ungefähr 300 hergestellte Treppen zurückblicken. Mitunter werden zeitgleich bis zu zehn Baustellen in verschiedenen Objekten bearbeitet. "Treppenbau lässt viele Gestaltungsmöglichkeiten zu, aber keine falschen Messungen. Einmal den Zollstock ranhalten, reicht definitiv nicht", so Thieme.


Beim Kundengespräch sind Ideen und Vorstellungen erwünscht, wie zum Beispiel LEDs in der Wange, Ganzglasgeländerfüllungen sowie gebeizte oder gebürstete Oberflächen. "Nach dem ersten Kontakt am Telefon oder in meinem Büro wird Maß im Objekt genommen, das dient dann als Kalkulationsgrundlage. Dabei kann man sagen, dass die Hälfte der Treppen für Neubauten bestellt werden, die andere Hälfte sind Rekonstruktionen in Altbauten", schätzt er ein. Sonderlösungen, Feinaufmaß und Material entscheiden dann über Preis und Herstellungsdauer. "Vorrangig werden einheimische Harthölzer, wie Esche, Eiche und Buche verwendet, dafür haben wir Schnittholzhändler", so der Tischlermeister. Seit 2017 kann er alles in seiner neu gebauten Halle nebenan lagern, hat damit sofort ein bestimmtes Kontingent an Material vorrätig. 50 bis 100 Arbeitsstunden pro Treppe müssen eingeplant werden vom Aufmaß über den Konstruktionsplan bis zur Fertigstellung. "In der Tischlerei wird die Treppe hergestellt, beim Kunden werden die Einzelteile zusammengebaut. Dafür gibt es nur einen Versuch. Jedes Arbeitsstück ist ein Unikat", sagt Thieme. Und kaum ist die Treppe montiert, wird das Holz auch schon wieder unter Pappe versteckt. "Um es vor den Arbeiten der nachfolgenden Gewerke schützen, werden alle Stufen sorgfältig abgeklebt, damit sie während der Bauphase nicht beschädigt werden", erklärt Thieme.

Neben der Auftragsbearbeitung nutzt Fabian Thieme die durch den Meisterbrief gegebene Möglichkeit, einen Lehrling auszubilden. "Er muss bei der Handhabung von Werkzeugen und am Material im Stoff stehen. Oft sieht man sich nach neuen Arbeitsschritten in der Werkstatt wieder Betriebsanweisungen oben im Büro schreiben. Die Prüfungsvorbereitung ist sehr aufwendig, der Lehrling muss üben", erklärt der Meister. Einer seiner Azubis war vor ein paar Jahren sogar Landessieger in Sachsen. "Oftmals zeigen wir den Lehrlingen auch Werkzeuge, die man heutzutage kaum noch nutzt, beispielsweise Gratwerkzeuge. Die haben wir zwar da, aber nur im Zuge der Ausbildung kommen diese zum Einsatz. Generell ist die maschinelle Ausstattung umfangreicher geworden." Darin sieht Thieme zwar eine Erleichterung im Alltag, doch das ursprüngliche handwerkliche Können und Detailwissen gehen verloren. Mit der Arbeit seiner drei Gesellen ist der Handwerksmeister sehr zufrieden. "Wir sind alle aus einem Jahrgang und damit quasi alle aus einem Holz geschnitzt. Wir sitzen auch beim Frühstück zusammen, das ist für das Team eine wichtige Sache", sagt Thieme. Außerdem ist ihm familiäre Unterstützung sicher: Ehefrau Nadine, selbst gelernte Tischlerin, versteht den Aufwand an täglicher Arbeit, und für die beiden gemeinsamen Söhne ist in der Werkstatt eine eigene Arbeitsecke eingerichtet. "Das Interesse unserer Jungs sichert mir die Zukunft unserer Firma", witzelt Fabian Thieme.

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