Jetzt wird der Rasen nicht mehr totgemäht

Alarmierende Zahlen vom Insektensterben haben bei einem Hohenstein-Ernstthaler ein Umdenken bewirkt. Sein Vorgarten wandelte sich vom englischen Golfrasen zur Oase für Käfer und Wildkräuter.

Hohenstein-Ernstthal.

Klaus Stiegler wetzt die Sense. "Das Mähen damit habe ich zum Glück noch gelernt", sagt der 77-jährige Arzt aus Hohenstein-Ernstthal. Früher hat er seinen Rasen wie viele andere auch mit dem Rasenmäher totgemäht. Schön regelmäßig. Englischer Golfrasen zierte den Vorgarten des Hauses. Doch die alarmierenden Meldungen vom weltweiten Insektensterben haben ihn wachgerüttelt. "Das hat bei mir ein Umdenken bewirkt", sagt er.

Die Roten Listen beim Naturschutzbund Deutschland sagen aus, dass von bundesweit 7389 erfassten Arten bereits 323 (4,4 Prozent) ausgestorben oder verschollen sind. Weitere 476 Arten sind vom Aussterben bedroht, das sind weitere 6,4 Prozent. Forscher warnen davor, dass viele Insektenarten nie wieder zurückkehren, weil ihnen die Lebensräume verloren gehen. "Die Insekten haben doch eine klare Aufgabe in der Natur", sagt Klaus Stiegler. Beispielsweise seien Wildbienen und Schwebfliegen dafür zuständig, Kulturpflanzen zu bestäuben. In diesem Jahr hat Stiegler seine Wiese einfach wachsen lassen. Für ihn ist das ein erster Versuch. Jetzt steht das Gras mehr als kniehoch und bringt ihm überraschende Erkenntnisse. "Ich wusste bisher überhaupt nicht, was auf dieser Wiese alles wächst", sagt er. Plötzlich entdeckte Stiegler Hartriegel, Schafgarbe, Löwenzahn, Wiesenschaumkraut, Vergissmeinnicht, Weiße Dolden, Rotes und Gelbes Habichtskraut, Gänseblümchen, Breit- und Spitzwegerich, sogar Eisenhutgewächse.


"Das alles ist für mich kein Unkraut mehr, das sind wichtige Wildkräuter", sagt Stiegler. Seit er das Mähen einfach gelassen hat, ist Leben in die Wiese eingezogen. "Ich habe Käfer entdeckt, die ich zuletzt in meiner Kindheit gesehen habe", schwärmt er. Die großen Zierdisteln, die er bewusst stehen gelassen hat, lockten wochenlang ein Distelfinken-Pärchen an. "Es ist unglaublich spannend, das alles zu beobachten. Da brauchst du kein Fernsehen." Verschiedene Insekten kommen zu verschiedenen Zeiten, um sich an seinem Blütenbüffet zu bedienen. So fliegt der Distelfalter meist vormittags ein.

"Es ist doch so einfach, mit wenigen Mitteln etwas für die Natur und vor allem für die Insekten zu tun. Man muss es nur wollen. Das muss aber jeder für sich selbst entscheiden. Ich glaube, in der neuen Generation ist da schon ein Umdenkprozess im Gange", sagt Stiegler, der übrigens in der Glyphosat-Debatte Verständnis für beide Seiten aufbringt. "Wer die Möglichkeit hat, sollte jedoch etwas für die Natur tun."

Das große Insektenhotel hinterm Haus ist voll belegt. Und in einem Pflanzkübel machte er eine faszinierende Entdeckung: "Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie etwas von Blattschneiderbienen gehört. Jetzt habe ich sie selbst im Garten." Und er hat nachgelesen, weiß nun, dass diese Bienen ihre Brutzellen quasi mit einem zugeschnittenen Blatt tapezieren, je ein Ei und etwas Pollenvorrat hineinlegen und die Zelle mit einem weiteren Blattstück verschließen. Ob Stiegler im Herbst wie einst die Bauern ein zweites Mal mäht, da hat er sich noch nicht entschieden. Er will erst herausfinden, was für die Natur besser ist.

Sergej Sanwald von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald kann solches Engagement nur begrüßen. "Wenn viele Menschen sich so engagieren und einfach mal ein Stück in ihrem Garten wild wachsen lassen, können damit viele Umweltsünden kompensiert werden. Das schafft wieder Lebensraum, der verloren gegangen ist. Ich kann jedem nur raten, tun Sie es. Das fördert die Biodiversität."

Das hat Klaus Stiegler längst begriffen. Er ist mit seinen Plänen noch längst nicht am Ende. "Bisher war alles nur eine Testphase."

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