Kritik am Notstand in Sachen Notdurft

Dem Seniorenbeirat platzt der Kragen. Er fordert mit Nachdruck umgehende Realisierung der Pläne fürs still gelegte Toilettenhaus - ehe ganz anderes platzt.

Das alte Toilettenhäuschen am Schillerplatz beschäftigt den Stadtrat nun bereits seit neun Jahren. Weil die Kosten für eine Reaktivierung schier explodieren, kam es bisher nicht zur Sanierung.

Für Sie berichtet: Jens Eumann

"Wer kann so lange warten, wenn's denn brennt?" Ein Brandbrief war es zwar nicht, mit dem der Seniorenbeirat der Stadt Glauchau am Montagabend die Mitglieder des Technischen Ausschusses konfrontierte - eher das Gegenteil. Doch bezog sich seine schriftliche Stellungnahme auf ein drängendes Problem: Den Notstand in Sachen Notdurft, der in der Innenstadt herrscht - und das seit vielen Jahren.

Jenseits von Schloss und Ratshof sind keine stillen Örtchen vorhanden - zumindest keine öffentlichen. Erstmals diskutiert wurde die Sanierung des 1926 errichteten denkmalgeschützten Toilettenbaus am Schillerplatz deshalb 2009. Zunächst schien alles schnell zu gehen. 2010 gab die Stadt für knapp 27.000 Euro die Sanierung des Dachs in Auftrag. Seither explodieren die Kosten. Hatte der Denkmalverein, der zunächst erwog, im Reformstil-Bau auch eigene Räume unterzubringen, anfangs mit weiteren rund 15.000 Euro Umbaukosten gerechnet, so war für die Stadt 2011 klar: Unter 80.000 Euro wird's nichts.

Dann stellte die Westsächsische Entwicklungs- und Beratungsgesellschaft zwei Varianten vor. Die erste: drei Klos für Herren, eine als Urinal, zwei als Sitz-WC, drei weitere WCs für Damen und eine selbstreinigende Behindertentoilette. Kosten laut Weberag: 329.000 Euro. Die zweite sah den Einbau fernüberwachter Module ins Gebäude vor: ein Urinal, ein gemeinsames WC für beiderlei Geschlecht, eine Behindertentoilette. Kostenprognose: 347.000 Euro.

Seither wurde es zunächst wieder günstiger, schien es. Nach interner Auswertung hoffte die Stadt, den Einbau für 180.000 Euro zu stemmen. Der Rat bewilligte das - nur um auf den Boden der Tatsachen geholt zu werden. Angebote auf die Ausschreibung lagen mindestens 70.000 Euro über den veranschlagten Kosten. Eine Viertelmillion für ein Klo? Oberbürgermeister Peter Dresler (parteilos) erklärt die Kosten mit nötigem Trockenlegen des Fundaments, der Erneuerung veralteter Wasser- und Abwasserleitungen und weiterer Sanierung des Gebäudes. Dennoch: Der Stadtrat kippte das Projekt im März 2018. Seither werden Alternativen erwogen.

Beim nun vorgeschlagenen Errichten fertiger Module behindertengerechter Unisex-Klos ist CDU-Stadtrat Lothar Winter skeptisch. An den Alternativstandorten Nicolaiplatz oder Leipziger Straße wären ja auch neue Leitungen nötig, überlegt er. Stattdessen hält Winter es für sinnvoller, Gastronomen in die öffentliche Toilettenversorgung einzubinden, wie es andernorts über Verträge praktiziert wird.

Dietmar Krusche vom Seniorenbeirat hält das für Augenwischerei. "Wie will man da Barrierefreiheit für Behinderte sicherstellen", fragt er. Sein Gremium verliert die Geduld. "Warum braucht Glauchau 100 Monate, wenn man in Schneeberg so ein Projekt in zehn stemmt?", fragt er. Ganz stimmt die Rechnung nicht. Vom Beschluss im Februar 2017 bis zur Öffnung einer selbstreinigenden City-Toilette im Schneeberger Ortsteil Neustädtel im Juli 2018 dauerte es 15 Monate. Auch dort gab es Debatten über die Investition - immerhin 95.000 Euro. "Man kann auch noch mal neun Jahre über das Thema diskutieren, nur ist dann die Blase geplatzt", sagt Krusche. Am Donnerstag berät der Verwaltungsausschuss erneut zum Thema.

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