Landwirte in Sorge wegen Deichrückbaus

Gegen das Vorhaben, bei Jerisau und Reinholdshain die Muldendeiche rückzubauen, liegen keine Klagen vor. Bedenken aber gibt es nach wie vor gegen das fast 3,5 Millionen Euro schwere Projekt.

Landwirte in Sorge wegen Deichrückbaus
Entlang der A 4 soll eine Spundwand entstehen, die die Böschung vor nagendem Wasser schützt.
2002 nagte das Wasser nicht nur an der Böschung der A 4.

Für Sie berichtet: Jens Eumann

40 Zentimeter ist der Abstand eines Frontscheinwerfers vom Asphalt der Fahrbahn. 40 Zentimeter sind zwei Stufen bis zur Haustür. 40 Zentimeter, das ist das Stück vom Scheitelpunkt der Welle, das Hochwasser-Bekämpfer der Mulde kappen wollen, wenn diese bei Flut zwischen den Glauchauer Ortsteilen Jerisau und Reinholdshain durchfließt.

Klappen soll das, indem man dem Fluss, ab der Stelle, wo er unter der Brücke der Bundesstraße 175 hervortritt, bis zur Brücke der A 4 wieder mehr Raum gibt. Die Deiche beidseits des Flusses sollen zurückgebaut werden. Auf der Jerisauer Seite veranschlagt die Landestalsperrenverwaltung dafür 1 Million, auf der Reinholdshainer 2,3 Millionen Euro. Zwar ist ein Baustart frühestens Ende 2019 möglich. Doch nachdem die Einspruchsfrist laut Landesdirektion jetzt verstrich, ohne dass Klagen gegen das Objekt eingingen, hat der Planfeststellungsbeschluss Rechtskraft.

Dass niemand gegen das Vorhaben klagte, wirft indes ein trügerisches Bild der Eintracht. Einwände gegen das Abtragen der Deiche und das dadurch in Kauf genommene Fluten der Felder und Gärten gab es zuhauf. 40 der 132 Seiten des Vorhabenplans werden von abgeschmetterten Bedenken gefüllt, die Grundbesitzer oder Pächter formuliert hatten. Zeitweise hatte sogar die Stadt Glauchau Bedenken angemeldet, grundsätzlich aber unterstützt sie das Vorhaben.

Als Geschäftsführer der Dennheritzer Agrarproduktions GmbH war Sven Neukirch einer der Kritiker. Sein Unternehmen nutzt die Ackerflächen, die dem Ortsteil Reinholdshain im fraglichen Muldebogen vorgelagert sind und künftig öfter in Fluten zu versinken drohen. Wegen der dann folgenden Belastung der Fläche mit kontaminiertem Schlamm und angeschwemmtem Unrat sei das Land nur noch als Grünland zu nutzen, hatte das Unternehmen beklagt. Die Talsperrenverwaltung folgte dem Argument insofern, als man eine zunächst ins Spiel gebrachte Variante verwarf. Die Deiche sollen nicht komplett abgetragen werden. Ein Rest, zwischen 20 und 70 Zentimeter hoch, bleibt stehen. Er schützt vor Flutereignissen, wie sie statistisch alle zehn Jahre auftreten. Somit lägen die Felder nur ab Fluten mit höheren Wiederkehrintervallen "Land unter", bei 20-jährlichen, 50-jährlichen Ereignissen etwa, oder einer Jahrhundertflut.

"Die jüngste Vergangenheit hat aber gezeigt, dass mit solchen Zeiträumen nicht mehr wirklich zu kalkulieren ist", mahnt Sven Neukirch. Immerhin gab es seit 2002 mit 2013 bereits zwei, mit 2010 örtlich sogar drei sogenannte Jahrhundertfluten. "Es hat jeder ein Einsehen, dass das fürs Gemeinwohl entsteht, aber uns lässt man im Ernstfall mit dem Unrat allein", sagt der Mann, der in Reinholdshain zugleich als Ortschaftsrat wirkt. Problematisch sei, dass das angeschwemmte Material oft als kostenpflichtig zu entsorgender Sondermüll gelte. "Es gibt Unternehmen, die gehen an so was pleite", sagt Neukirch. Die Agrarbetriebe hatten zuvor versucht, vertraglich einen Anspruch darauf durchzusetzen, dass die Talsperrenverwaltung Beräumungskosten übernimmt. Darauf ließ sich die Behörde nicht ein - mit schlichtem Verweis auf die Rechtslage: Der Grundstückeigentümer sei dafür zuständig, heißt es knapp im Feststellungsbeschluss.

Während der Schutz vor Hochwasser zwischen Jerisau und Reinholdshain bedeutet, dem Fluss sein Korsett wieder ein wenig aufzuschnüren, so hängt an den Plänen aber noch eine tiefer greifende weitere Maßnahme. Immerhin droht die Autobahn A 4 unterspült zu werden, wenn die Muldefluten an ihrer Böschung nagen. Das soll eine lang gezogene Spundwand verhindern, die man neben dem Entwässerungsgraben der Autobahn einbauen will. Ihre Oberkante wird einen halben Meter über dem Niveau des Remser Weges liegen, die Unterkante reicht tief ins Erdreich hinein.

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