Lokator Gerfried hatte das Sagen

Kreisgeschichte(n): Woher Westsachsens Städte und Dörfer ihre Namen haben. Teil 18: Gersdorf.

Gersdorf.

Irgend eine Sage macht immer die Runde. Am Hegebach ist es die von den drei Brüdern. Sie hießen Gerhard, Hermann und Bernhard. Die drei sollen in grauen Vorzeiten die Orte Gersdorf, Hermsdorf und Bernsdorf gegründet haben.

Über solche Theorien kann der Gersdorfer Ortschronist Manfred Riemer lächeln. "Das ist ein Märchen", sagt er. Und kann das auch begründen. "Hermsdorf ist 200 Jahre später als die anderen beiden Orte entstanden." Wie kam Gersdorf also tatsächlich zu seinem Namen? Wirklich gesicherte Erkenntnisse dazu gibt es nicht, sagt Riemer. Allerdings liegt nahe, dass die Namensgebung auf den sogenannten Lokator zurückgeht, der vor mehr als 800 Jahren den Besiedlungszug angeführt haben könnte. Dessen Name könnte Gerhard oder Gerfried gewesen sein. Lokatoren waren quasi die Landverteiler im Auftrag der Landes- und Grundherren. Was in Süddeutschland der sogenannte Reutmeister war, hieß hierzulande Lokator.

Lokatoren warben mitunter auch gleichzeitig die Siedler für die Urbarmachung unbesiedelten Territoriums an. Sie waren für die Vermessung des Geländes und die Zuteilung zuständig. Sie stellten den Siedlern in der Übergangszeit, also während der Rodung, oftmals auch den Lebensunterhalt, beschafften Arbeitsmittel, Saatgut, Zugtiere und Pflüge für das Ackerland. Damit spielten Lokatoren bei der Besiedlung eine gewichtige Rolle.

Im Gegenzug gestand ihnen der jeweilige Landesherr im abgeschlossenen Lokationsvertrag einige Privilegien zu. Der Lokator durfte sich beispielsweise ein größeres Stück Land abstecken als alle anderen. Dafür spricht eine Tatsache: Bei der Betrachtung der Flurstücke am Gersdorfer Hofgraben ist aufgefallen, dass eines deutlich größer ist als alle anderen und fast die doppelte Fläche misst. Manfred Riemer hält es für wahrscheinlich, dass es die Fläche des Lokators gewesen ist. Und der hieß vermutlich eher Gerfried. Darin ist sich Riemer zumindest mit dem Zwickauer Professor Karlheinz Hengst, ein Experte auf dem Gebiet der slawischen Sprachwissenschaften, einig.

Auffällig: "Gersdörfer" verteilen sich über große Teile des östlichen Deutschland - von Nennslingen im Osten Bayerns über Franken, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Hessen und Brandenburg bis nach Mecklenburg-Vorpommern, wo es ein Gersdorf als Ortsteil der Gemeinde Biendorf im Landkreis Rostock gibt. Auf dieser Besiedlungsachse findet sich 16-mal der Ort Gersdorf. Übrigens gab es Gersdorf auch bei Crimmitschau, dort ist es allerdings mit dem Ortsteil Lauenhain verschmolzen. Fünf Gersdorfs lagen auch im heutigen Polen in den ehemaligen Gebieten von Brandenburg, Schlesien und Pommern. Denkt man sich weiter in den Süden vor, stößt man im Gebiet Tschechiens auf vier Orte mit dem Namen Kerhartice. Und noch ein Stück südlicher schließt sich Österreich an. Im Alpenländle finden sich sieben weitere Gersdorfs, davon allein fünf direkt in der Steiermark.

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