Mit 120 Sachen übern Asphalt: Bei Müttern fährt die Angst mit

Schon Neunjährige drehen beim Minibikerennen am Gasgriff schneller Maschinen. Wie halten die Eltern das aus?

Oberlungwitz.

Michèle Kastl sitzt im Campingstuhl hinterm Wohnwagen im Fahrerlager 2 am Sachsenring und hält sich die Ohren zu. "Ich kann das Startgeräusch nicht erhören, wenn alle Vollgas geben", sagt sie. Sohn Phillip steht beim ersten Rennen der Einsteigerklasse beim 21. Minibikerennen am Sachsenring auf Startplatz 3. An die Strecke geht Michèle überhaupt nicht.

Wenn die jungen Rennfahrer mit 120 Sachen und einer 70 Kilogrammschweren Maschine um den 1095 Meter langen Kurs rasen, fährt bei ihr die Angst mit. Die 35-Jährige aus Neukirchen hat alles versucht, dem Elfjährigen, der gestern als Führender der deutschen Minibiker-Meisterschaft ins Rennen gegangen ist, diesen Sport auszureden. Ohne Erfolg. Sie hätte sich gewünscht, dass er Reiter wird. Vater Marco Tonn ist sächsischer Landestrainer im Dressurreiten. Der Reiterhof in Neukirchen bei Crimmitschau bietet ideale Möglichkeiten.

Doch Phillip liebt von jeher, was sich per Motor bewegt. Mit drei Jahren kurvte er unermüdlich mit dem Rasenmähertraktor übers Grundstück, erbettelte sich später bei den Eltern eine Cross-Maschine, fuhr beim MSC Thurm. Nach einem schweren Unfall zogen die Elter die Notbremse. Doch selbst ein gebrochenes Bein konnte den Jungen nicht abschrecken.

Die Eltern gingen einen Kompromiss ein, ließen ihn bei AMC-Trainer Ronny Heinrich schnuppern. "Ich dachte, da gibt es keine Sprünge. Das ist nicht so gefährlich", sagt die Mutter.

Sie hat Regeln aufgestellt. An der Sicherheit wird nicht gespart. Kombi, Helm, Handschuhe, Stiefel, Technik. "Da ist mir nichts zu teuer. Ein Restrisiko bleibt immer, das ist auch beim Reiten oder Rennradfahren so." Was sie am Rennsport mag? "Phillip hat sich toll entwickelt. Zum Rennsport gehört viel Disziplin und Kampfgeist. Er hat gelernt, dass man nicht so schnell aufgibt und wie man sich auf seine Aufgabe konzentriert."

Auch Jeannette Michel aus Elterlein kennt die Sorgen. Die 43-Jährige läuft auf und ab, um sich abzulenken, wenn Tochter Lucy Vollgas gibt. Die Elfjährige fährt ihre erste Minibike-Saison. Sie wollte früher auf dem Jahrmarkt immer Quad fahren, das war Vater Heiko zu gefährlich. Nach einem Schnupperkurs auf zwei Rädern blieb Lucy beim Pocketbike kleben. Innerlich ist auch der Vater angespannt. "Aber nach außen hin gibt er für Lucy den Ruhepol vor dem Start", sagt Mutter Jeannette Michel.

Kristin Eisenfeld aus Chemnitz, die Mutter des neunjährigen Lukas, durchlebte beim Zeittraining eine bange Minute, als ihr Sohn nicht aus der Runde zurückkehrte. Sie konnte schließlich erleichtert aufatmen, Lukas rollte irgendwo mit leerem Tank aus. "Mir war gleich schlecht, daran werde ich mich wohl nie gewöhnen. Ich bekämpfe die Angst immer, indem ich mich kneife", sagt sie.

Die Gedanken an schwere Unfälle verdrängen alle drei Mütter. Trainer Ronny Heinrich beruhigt: "Sie fahren auf einer Kartstrecke, rechts und links sind Strohballen und Luftsäcke, eine Schikane nimmt das Tempo raus. Also da wird schon viel für die Sicherheit getan."

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