Mit dem Dübener Ei bis an die Ostsee

Familie Kießling aus Leipzig lebt die Auto-Ostalgie und ist Stammgast auf dem Ostfahrzeugetreffen in Zwickau. Sie hat einen besonderen Antrieb dafür.

Zwickau.

Die Fahrt an die Ostsee ist schon lange keine Tagesreise mehr. In rund vier Stunden ist der Sachse am Wasser. Deutlich länger brauchen Ute und Dietmar Kießling immer dann, wenn sie das Dübener Ei im Schlepptau haben. Weil man darin so schön kuscheln kann, mögen vor allem die Enkel Urlaub im kleinsten DDR-Wohnanhänger.

Einige Stunden mehr als die heutige Fahrtzeit benötigten Kießlings auch, als sie mit ihrem 600er zum Trabanttreffen an die Küste gefahren sind. Das Leipziger Ehepaar hat ein Faible für den Trabant. Zu klein, zu mühsam ohne Servolenkung, zu langsam? "Dieses Fahren entschleunigt", sagt Ute Kießling. Das farbenfrohe Fahrzeug Baujahr 1963 ist original - einschließlich des Klorollenhäkelhutes, eines Wackeldackels, dem Tele-Lotto-Männchen und einem Erste-Hilfe-Kasten aus Holz.

Die illustre Besitzerlegende widerspiegelt den DDR-typischen Autoverkauf: Von einem damaligen Kombinatsdirektor kam das Fahrzeug zu einem Bäckermeister, von ihm zu einem Schornsteinfeger und schließlich zu Dietmar Kießling, der ihn innen und außen aufmöbelte. "Das ist Kulturerbe und muss erhalten werden", ist seine Motivation. Die von seiner Ehefrau übrigens auch - sie hat nach langem Drängen in diesem Jahr ihren eigenen 500er bekommen. Er absolviert gerade eine Schönheitskur. Doch das kostet mittlerweile. "Den linken Außenspiegel habe ich vor einigen Jahren für 5 Euro gekauft, mittlerweile kostet er etwa 120 Euro", meint der Trabifan.

Tilo Wujtschik kennt diese Entwicklung. Er steht nur wenige Meter weiter an seinem Stand inmitten von Stoßstangen, Tachos, Zündkerzen, Lampen, Zylinderköpfen und vielem mehr, was der Fahrer von Trabant und Barkas als Ersatzteil benötigt. Fast alles, was hier liegt oder hängt, ist original. Doch diese Teile zu bekommen, wird für Wujtschik immer schwieriger.

Die Zeit ist vorbei, als die ehemaligen Trabibesitzer ihre zu DDR-Zeiten gehorteten Ersatzteile verkauften oder die Enkel nach der Wende beim Ausräumen von Boden oder Schuppen fündig wurden und versilberten. Kurbelwellen beispielsweise hat er keine. "Bei den Nachfertigungen lässt die Qualität zu wünschen übrig", sagt der Unternehmer, der den Ifa-Service Altenburg betreibt. "Solchen Mist verkaufe ich nicht." Die rund 60 Jahre alten Zylinderköpfe vor ihm sind mittlerweile auch Raritäten. "Bei den wenigen Fahrzeugen rentiert sich eine Nachproduktion nicht", ist der Autoexperte sicher.

Tatsächlich sind die Zulassungszahlen von Trabant und Wartburg nach drastischem Rückgang in den vergangenen beiden Jahrzehnten nun relativ konstant. 2017 rollten nach Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes in Flensburg rund 33.600 Trabis und 7400 Wartburg bundesweit auf den Straßen. Das entsprach etwa dem Niveau von 2015. Anfang der 1990er Jahre waren noch einige Hunderttausend unterwegs, die meisten Trabis fahren noch die Sachsen. Das im Volksmund liebevoll "Plastikbomber" getaufte Fahrzeug war auch auf dem Ostfahrzeugetreffen der Platzhirsch. Insgesamt waren es 649 Autos - die meisten davon liebevoll gepflegt und aufgemotzt. Sie wurden von rund 2500 Gästen bestaunt.

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