Mit heißer Schere und viel Elan

Ans Werk! Sie bauen, schleifen, schrauben, drehen und drechseln: Handwerker gestalten unser Umfeld. Die "Freie Presse" stellt einige Gewerke aus der Region in einer Serie vor - und schaut den Handwerkern bei der Arbeit auf die Finger.

Oberwiera.

Wenn aus Kindheitserinnerungen nicht nur Träume bleiben, sondern diese in einer eigenen Selbstständigkeit fruchten, dann hat man Zufriedenheit im Herzen gefunden: Das Handwerk des Friseurberufes auszuüben, war für Susann Jost schon von klein auf ein großer Wunsch. "Mit meiner Mutti war ich damals ständig zum Frisieren mit und mochte die regelmäßigen Besuche im Salon."

Nach ihrem Realschulabschluss folgte für die junge Frau eine dreijährige Lehre zur Friseurin. "Ich habe bei einer Friseurkette gelernt, die Grundlagen waren top und ich habe mich immer wohl gefühlt", so die 34-Jährige. "Nach über zwei Jahren Ausübung meines Berufes war ich fit für den Meister." 2007 schaffte es Susann Jost, innerhalb von drei Monaten ihren Meisterbrief in den Händen zu halten, dafür war Schule in Vollzeit Voraussetzung. In der Elternzeit nach 2010 reifte der Gedanke zur Selbstständigkeit.


"Haarkult" lautet der Name des Salons auf dem Lande, der im Wohnhaus der jungen Familie eingerichtet wurde. "Das alte Getreidelager-Haus wird von meinen beiden Geschwistern mit ihren Familien mit bewohnt. So ist ständig jemand für die Kinder da und ich kann mich flexibler um die Kunden kümmern. Und abends auch schnell den Salon reinigen und die Abrechnung machen. Da schlafen die Kinder schon." Waschen, schneiden, föhnen, färben, glätten bietet sie an fünf Tagen der Woche an. "Die meisten Studios haben für gewöhnlich montags geschlossen, wir haben den freien Tag am Mittwoch."

Aber der Terminkalender der Meisterin und ihrer Angestellten ist gefüllt, Absprachen müssen daher regelmäßig gehalten werden: Denn mit vier Sitzplätzen sind die Kapazitäten für Kunden erschöpft. "Ich finde es toll, wenn sich die Leute hier untereinander kennen, Klatsch und Tratsch gibt es, aber auch hier wird Datenschutz groß geschrieben. Wir freuen uns über spannende Neuigkeiten, aber geben es auf keinen Fall weiter." Kommunikation und der Blick auf individuelle Beratung sind wichtig, denn jedes Haar ist anders. Internetfotos von Berühmtheiten machen es auch in dieser Branche manchmal schwierig, denn oftmals stimmen Proportionen der Gesichter nicht überein oder Farben wirken im natürlichen Licht anders als bei einem Shooting. "Die Herausforderung haben wir jeden Tag, denn jede Frisur ist einzigartig und jeder soll glücklich zur Tür hinausgehen."

Bis das allerdings so weit ist, stehen Prozeduren an: Waschen mit Shampoo, Spülung und Haarkur. Danach die Königsdisziplin: Schneiden. Mit der sogenannten "heißen Schere" holte sich die Friseurmeisterin einen kleinen Liebling ins Haus, Spitzen werden beim Schnitt versiegelt, Haare brechen nicht mehr so schnell. "Der Trend geht bei Form und Farbe wieder zur Natürlichkeit. Aber auch Dauerwelle ist in diesem Jahr mehr und mehr angesagt, allerdings sieht sie heutzutage wesentlich gepflegter aus als damals." In Kombination mit natürlichen Tönen, den Balayage-Farben, setzt sie gern Akzente "von der Sonne geküsst". Ob Farbe, Intensivtönung oder Blondierung, Empfehlungen werden grundsätzlich gegeben und jeder Schritt besprochen. Strähnen werden nach wie vor in Folie gepackt, außer die zarten Highlights. Angesagte Strähnentechniken, wie Babylights, feine dünne natürlich wirkende Strähnen oder Splashlights, die Strähnen, die einen höheren Farbkontrast hervorrufen. "Allergien sind dabei ein großes Thema, Farben dürfen dabei nicht auf die Kopfhaut gelangen oder Inhaltsstoffe wie Ammoniak enthalten." Dafür holt die Friseurin ihre Produkte von einem Friseurgroßhandel, legt sich nicht auf die Produktpalette eines Anbieters fest. "Es gibt Kunden, die probieren gern aus, bei anderen wissen wir, was gewünscht ist oder vertragen wird", sagt Jost.

Das Angebot an verwöhnenden Maßnahmen ist wie in den meisten Salons breit gefächert: Tages-, Abend- oder Braut-Make-up, Brauen zupfen und färben oder die Pflege eines gewilderten Männerbartes. Messer, Glätteisen, Rund- oder Skelettbürsten sind die Handwerkszeuge bei Susann Jost. Der stehende Beruf in beinah tagtäglich gleicher Haltung ist auch für junge Menschen manchmal anstrengend. "Aber auch mein Mann kann es auch kaum glauben. Ich liebe meinen Beruf, es ist mehr ein Hobby. Und irgendwann hoffe ich, dass eine unserer Töchter in meine Fußstapfen tritt."

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