Mit Peitschenhieben zum Höhepunkt

Schmerzen, Schläge, Lack und Leder. Eine Ausstellung zeigt Liebe abseits der Norm. Sogar einen Elternabend soll es geben.

Hohenstein-Ernstthal.

Als Angelique Corse zum ersten Mal das Verlangen fühlte, die Peitsche zu spüren, war sie gerade erst 17. "Ich hatte Glück, meine damalige Partnerin war handwerklich äußerst geschickt", sagt die heute 33-jährige Autorin von Erotik-Romanen. Die Gefährtin nutzte damals ihre Begabung und fertigte eine individuelle Peitsche mit mehreren Riemen. Einige härter und mit Knoten, andere weich und glatt. "Die Intensität der Schmerzen lässt sich so gut kontrollieren", sagt Angelique Corse heute.

Gefühle wie Schmerz und Angst befinden sich nah am Lustempfinden, erklärt Organisator Michael Sonntag zur Eröffnung der Ausstellung "Eine Form von Zärtlichkeit" am vergangenen Freitag. Angelique, die in den nächsten Tagen einige Lesungen halten wird, sitzt neben ihm auf einem gemütlichen Holzsessel. "Oh ja", stimmt sie erfreut zu. In dem spärlich verputzten Raum im ersten Stock der Galerie "Kunst in der Ruine" hängen Fotos von jungen Models. Sie sind gefesselt oder schwingen Peitschen. Ihre erogenen Zonen - kaum verdeckt von eng anliegenden Lederkorsetts. Sonntag zeigt auf eines der Bilder. Darauf zu sehen - eine maskierte Dame, die sich heißes Wachs in ihr tiefgeschnittenes Dekolleté träufeln lässt. "Man beachte ihren entspannten Gesichtausdruck. Sie genießt."

Genau um dieses Einverständnis gehe es beim BDSM (engl. Fesseln, Dominanz, Sado-Masochismus), dem Thema der Ausstellung. Sonntag möchte aufklären: über Rollenspiele, Peitschen, Schmerz, Meister und Sklaven. "In der Gesellschaft wird BDSM oft als etwas Abartiges gesehen". Dies soll auch ein zum Verkauf ausgestelltes T-Shirt mit der Aufschrift ICD-10 F65.5 verdeutlichen. Mit diesem Code klassifiziert die Weltgesundheitsorganisation Störungen der sexuellen Präferenz. Gegen eine solche Stigmatisierung will Sonntag sich wehren. "Du bist so ernst heute", unterbricht Angelique den adrett gekleideten Laudator. "Ruhe oder ich hol die Peitsche raus", gibt dieser zurück. Die Autorin kichert. Obwohl nur ein einziger Gast zur Vernissage erschien, scheint die Stimmung ausgelassen.

Sonntag hatte gehofft, auch einige Besucher zu empfangen, die bislang wenig mit dem Thema in Berührung gekommen sind, das durch die Filmreihe "50 Shades of Grey" eine gewisse Popularität erlangt hat. Jedoch seien dabei Unwahrheiten verbreitet worden. "Zum Beispiel werden beim Fesseln niemals Kabelbinder benutzt", erklärt der 39-Jährige. Dies sei zu gefährlich, da im Panikfall jede Art von Fixierung mit wenigen Handgriffen lösbar sein müsse. Besonders wichtig: Der dominante Partner muss Mimik und Gestik des Unterworfenen genau im Blick behalten. "Das ist viel anstrengender als sich einfach nur der heilenden Wirkung des Schmerzes hinzugeben", so Sonntag.

Auch einen Elternabend hat Sonntag geplant - zur Aufklärung. Der Hang zu S&M erwache häufig während frühester Kindheit", erklärt er. "Mein Vater war nicht begeistert, als er meine Gerte damals gefunden hat." Eine Art chirurgisches Geschirr, dass er nach einem Unfall tragen musste, weckte anfangs die Freude am Schmerz beim jungen Michael Sonntag. Dass sich Eltern um ihre Kinder sorgen, verstehe er. Seine eigene Tochter würde Sonntag ungerne auf einem der Bilder in der Ausstellung sehen. Aber ihre Vorlieben würde er akzeptieren. "Man muss es nicht mögen, aber man sollte es kennen."

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