Mohnernte poliert auch das Image

Nur 400 Hektar Mohn werden in Deutschland angebaut, davon 130 von einem Familienbetrieb aus der Region.

Waldenburg.

Der modifizierte Mähdrescher zieht auf dem Feld am neuen Kreisverkehr in Callenberg eine Staubwolke hinter sich her. "Ideales Erntewetter für den Wintermohn", sagt Hendrik Stiegler von der Waldenburger Agrargenossenschaft in Oberwinkel. Das kräftig leuchtende Lila der Mohnfelder hat sich längst in ein helles Beige gewandelt. Die riesige Maschine schneidet die Halme und knackt die Kapseln, in denen sich bis zu vier Gramm der winzigen Backmohnkörner befinden. 1000 Körner wiegen etwa 0,5Gramm.

Auf 130 von insgesamt 930 Hektar Landwirtschaftsfläche baut der Familienbetrieb Mohn an - ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in der Region. Deutschlandweit wird nur auf 400 Hektar Backmohn produziert, ein Drittel davon von den Stieglers. Vor zehn Jahren entdeckte der Betrieb die Marktlücke, suchte Kontakt zu einer Universität, sammelte Erfahrungen, schaffte Technik an. Die Container mit den jeweils rund acht Tonnen Erntegut kommen vom Feld gleich in eine Freilufthalle, wo große Gebläse den ungereinigten Mohn durchlüften. "Die Restfeuchte muss raus", sagt Hendrik Stiegler. Er ist studierter Maschinenbauingenieur, hat die Technik von Jahr zu Jahr immer mehr perfektioniert.


Der Mohn durchläuft zunächst eine Siebmaschine, wird dann weiter zu einem Tischausleser transportiert, verlässt diesen mit 99,9 Prozent Reinheitsgrad und wird in 750-Kilogramm-Bigbags oder 25-Kilogramm-Papiersäcke abgefüllt. "Von jedem Bigbag wird eine Probe entnommen. Ein Labor in Leipzig analysiert dann die Charge. Dort wird nicht nur der Morphingehalt geprüft, sondern auch nach Kadmium, Keimen und anderem gesucht", sagt Stiegler. Für den Anbau hat der Betrieb einen Aktenordner voll Genehmigungen von der Bundesopiumstelle. "Ohne diese dürften wird das nicht anbauen", sagt Stiegler.

Nach dem Mohnanbau ist Fruchtwechsel auf dem Acker angesagt. Vier Jahre lang muss dort der Mohnanbau pausieren. Der Anbau ist kostspielig. Die Belüftung sowie die Maschinen zum Reinigen verbrauchen viel Strom. "Und ein Mähdrescher pro Tag bis zu 500 Liter Diesel", sagt Seniorchef Stephan Stiegler. Fast 50 Prozent des Ertrages geht bei Ernte und Reinigung verloren. 30 Prozent wären ideal, daran arbeiten die Söhne Hendrik und Georg.

Noch rentiert sich der Mohnanbau. "Weil wir eine Sorte mit geringstem Morphingehalt anbauen, bekommen wir am Markt einen besseren Preis", ergänzt der Senior. Und er macht auch mal seinem Ärger Luft. "Mit dem Mohnanbau konnten wir zumindest den Imageverlust der Landwirtschaft ein wenig korrigieren", sagt Stephan Stiegler. "Früher waren wir so etwas wie die Pflanzendoktoren, heute gelten wir fast als Giftmischer. Das ist einfach nicht fair. Dabei setzen wir ausschließlich erlaubte Mittel im Feldbau ein", versichert er. Ein aktuelles Wahlplakat der Grünen mit der Aufschrift "Mach dich vom Acker, Gift!" ärgert ihn sehr. Er hält das schlichtweg für Bauernhetze und Stimmenfang. Die Landwirtschaft sei längst ein Politikum. Er gibt daran auch den Medien Mitschuld. "Man sollte sich lieber mal an einen Tisch setzen und darüber reden." Der Imageverlust sei so enorm, dass kaum noch jemand Landwirt lernen möchte. "Wir haben inzwischen zusätzlich Arbeitskräfte aus Rumänien eingestellt."

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