Mutter gesucht - Großfamilie gefunden

Der DRK-Suchdienst bringt seit Jahrzehnten verschollen geglaubte Menschen zusammen. Der Fall eines heute 74-jährigen Glauchauers war besonders schwer zu lösen. Schuld daran waren wenige Buchstaben.

Berlin. Jenen Märztag 2017 dürfte Günter Peleiski niemals vergessen. An diesem Tag fand der 74-jährige Glauchauer das, wonach er sein Leben lang gesucht hatte: die Gewissheit über seine Familie, über den Verbleib seiner Mutter. Und, mehr noch, er erfuhr, dass er eine Schwester hat. Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes hatte Peleiskis Familie ausfindig gemacht. Fast ein Dreivierteljahrhundert nach den Kriegswirren und der Flucht aus dem damaligen Memel, in der sich Mutter, Geschwister und der damals nur wenige Monate alte Günter verloren, hat Peleiski nun eine Riesenverwandtschaft dazubekommen.

Über den Suchdienst erfuhr der Glauchauer, dass er eine 79-jährige Schwester namens Christel hat, die inzwischen mit Nachnamen Ehrich heißt und in Grimmen in Mecklenburg-Vorpommern lebt. Sie hat vier Kinder, sieben Enkel und fünf Ur-Enkel. Peleiski erfuhr auch, dass er zwei Brüder hatte, die inzwischen verstorben sind. Und er weiß nun, wo das Grab seiner lange gesuchten Mutter ist, die ebenfalls in Mecklenburg-Vorpommern lebte.
Noch immer fällt Peleiski schwer, seine Gefühle in Worte zufassen. "Es ist einfach ein Hammer, was da passiert ist", sagt er tief gerührt. An all seine Angehörigen hatte er keinerlei Erinnerung. Ein Kindertransport hatte Peleiski im Januar 1945 nach Schwarzenberg gebracht. Er kam in Kinderheime und Kliniken, schließlich in eine Pflegefamilie ins Erzgebirge. Die Namen seiner leiblichen Eltern kannte er nicht, nicht einmal sein Geburtsdatum. Die Behörden änderten zudem seinen damaligen Familiennamen "Pelekies" in Peleiski, was die Suche nach Angehörigen über Jahrzehnte zudem erschwerte. Warum seine Mutter in all den Jahren nie nach ihrem kleinen Sohn suchte? Peleiski versteht es nicht. Ein wenig Verbitterung klingt an.


Erst der Fund von Dokumenten in einem Archiv in Aue im Jahr 2013 brachte den Durchbruch. In den Unterlagen war der Kindertransport aus dem früheren Memel erwähnt, samt Peleiskis richtigem Namen und dem seiner Mutter. Wie oft hatte er die Suche schon aufgeben wollen. Seine Frau, mit der Peleiski eine Tochter sowie zwei Enkel hat, hatte ihn jedoch stets bestärkt weiterzumachen. Schließlich wurden die Mitarbeiter des DRK-Suchdienstes in einem Archiv im Landkreis Vorpommern-Rügen fündig.

Und es kam der Tag, an dem die beiden Geschwister zum ersten Mal miteinander telefonierten. Ein unendlich bewegender Moment, erinnert sich Peleiski. "Hallo meine große Schwester", sagte Günter. "Hallo mein kleiner Bruder", sagte Christel. "Ich konnte es nicht fassen", erinnert sich die 79-Jährige voller Rührung. Nach so langer Zeit sprach sie plötzlich mit ihrem Bruder. Dass es ihn gab, daran konnte sie sich erinnern. Als kleines Kind hatte Christel ihren Bruder sogar einmal in Memel im Krankenhaus besucht. Doch dann wurde die Familie getrennt. Allein ein Foto des kleinen Günter blieb Christel als Erinnerung.

Die Recherche nach vermissten Angehörigen gehört auch 77 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges zum Alltagsgeschäft des DRK-Suchdienstes. Allein im ersten Halbjahr 2017 gingen knapp 4200 Anfragen zu im Zweiten Weltkrieg Vermissten beim DRK ein. 2016 waren es fast 9000. Zugleich wurden 9260 offene Anfragen abschließend bearbeitet, in 40 Prozent der Fälle wurden "schicksalsklärende Auskünfte" erteilt. Der vor mehr als 70 Jahren gegründete Suchdienst sei "heute und in der Zukunft unersetzlich", sagt DRK-Präsident Rudolf Seiters am Dienstag anlässlich des Internationalen Tages der Vermissten. Von den 2,5 Millionen offenen Suchanfragen zum Zweiten Weltkrieg, die dem DRK 1959 vorlagen, wurden bis Ende der 1990er-Jahre 1,2 Millionen Fälle geklärt. Darunter waren auch 300.000 Fälle von Kindern, die infolge der Flucht von ihren Eltern getrennt wurden.

Der Fall Günter Peleiski war lange nicht dabei. Es sei schade, dass so viele gemeinsame Jahre als Familie verloren gegangen seien, sagt Peleiski nachdenklich. Wichtig sei aber, sich gefunden zu haben, "die gemeinsame Zukunft liegt vor uns".

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