"Oberwiera sorgt für eine Signalwirkung"

Der scheidende Bürgermeister Bernd Geringswald (CDU) über den Wahlkampf im Dorf und das Interesse am Ehrenamt

Oberwiera.

Gleich drei Bewerber wollen auf den Chefsessel im Gemeindezentrum in Oberwiera. Marcel Pohlers, Holger Quellmalz und Patrick Simmel bewerben sich um das Amt des ehrenamtlichen Bürgermeisters und damit die Nachfolge von Bernd Geringswald (CDU). Der Amtsinhaber geht Ende des Jahres in den Ruhestand. Holger Frenzel sprach mit dem 73-Jährigen über den Wahlkampf, der ein Dorf verändert hat, und die Aufgaben, die in den nächsten Jahren anstehen.

Freie Presse: Bei den Bürgermeisterwahlen in umliegenden Dörfern, wie zum Beispiel in Remse, Dennheritz und Schönberg, hat zuletzt jeweils nur ein Bewerber den Hut in den Ring geworfen. In Oberwiera gibt es am Sonntag gleich drei Kandidaten. Was macht den Job so interessant?

Bernd Geringswald: In den letzten Jahren gab es ein Umdenken, der ländliche Raum gewinnt wieder an Bedeutung. Das kommt bei den Menschen vor Ort an. Sie wollen Verantwortung übernehmen. Wir haben nicht nur deutlich mehr Kandidaten als bei den letzten Bürgermeisterwahlen in den umliegenden Dörfern. In Oberwiera bewerben sich zudem Leute aus einer deutlich jüngeren Generation. Die drei Bewerber sind zwischen 30 und 38 Jahre alt. Oberwiera sorgt hier für eine Signalwirkung für andere Orte. Ein weiterer Aspekt, weshalb wir gleich drei Bewerber haben, ist möglicherweise der zeitliche Vorlauf. Ich habe bereits zu Beginn des Jahres mitgeteilt, dass ich Ende 2019 altersbedingt aufhöre und ein Nachfolger benötigt wird.

Wie hat der Wahlkampf in den letzten Wochen das Dorf verändert?

Es ist zu spüren, dass eine wichtige Entscheidung ansteht. Einerseits hat sich eine gewisse Lagerbildung entwickelt. Andererseits ist plötzlich ein großes Interesse an der Kommunalpolitik zu spüren. Zur Podiumsdiskussion, die in der Turnhalle stattfand, waren rund 150 Einwohner. Man hat fast den Eindruck, dass es sich um eine Oberbürgermeisterwahl handelt. Ich habe - natürlich mit einem Augenzwinkern - am Montag zur Dienstberatung im Rathaus in Waldenburg gesagt: Am Wochenende fehlen nur noch die TV-Teams, die nach Oberwiera kommen.

Welcher Bewerber hat am Sonntag die besten Chancen?

Das ist ganz schwer zu beantworten. Holger Quellmalz stammt aus Oberwiera. Patrick Simmel ist in seinen Heimatort zurückgekehrt. Marcel Pohlers wohnt seit einigen Jahren in der Gemeinde. Alle drei Bewerber haben in den letzten Wochen viel unternommen, um auf sich aufmerksam zu machen und Wähler zu mobilisieren. Es wird am Sonntag mit einer sehr hohen Wahlbeteiligung gerechnet, die bei über 70 oder vielleicht sogar über 80 Prozent liegen kann.

Sie werden in Oberwiera in diesen Tagen sicher oft gefragt, welcher Bewerber sich am besten für die Aufgabe eignet. Geben Sie eine Empfehlung ab?

Nein. Egal ob bei Besuchen in Vereinen oder am Stammtisch: Ich werde oft auf das Thema angesprochen, gebe aber keine Empfehlung ab. Innerlich gibt es aber einen Wunsch-Kandidaten.

Als Rentner haben Sie die nötigen Freiräume. Können jüngere Leute die Aufgabe als ehrenamtlicher Bürgermeister mit Beruf und Familie verbinden?

Das ist machbar, wie Beispiele aus anderen Gemeinden zeigen. Alle drei Bewerber waren bei mir und haben sich über den Zeitaufwand informiert. Sie wissen, dass es auch einige Termine in den Vormittags- und in den Abendstunden gibt. Der Bürgermeister ist gleichzeitig für die Feuerwehr verantwortlich. Da gibt es auch spontane Einsätze. Ich bin überzeugt: Holger Quellmalz, Marcel Pohlers und Patrick Simmel wissen, was im Fall einer Wahl zum Bürgermeister auf sie zukommt.

Wie bewerten Sie den Ist-Zustand von Oberwiera?

Die Infrastruktur ist, auch durch die vielen Maßnahmen zur Beseitigung der Hochwasserschäden, in einem guten Zustand. Wir haben einen ausgeglichenen Haushaltsplan und aktuell sogar etwas höhere Steuereinnahmen als erwartet. Darauf lässt sich aufbauen.

Welche Aufgaben stehen in den nächsten Jahren an?

Die Weichen müssen der neue Bürgermeister und der Gemeinderat stellen. Der Breitbandausbau ist wichtig. Zudem sollen im nächsten Jahr die ersten Häuser am neuen Eigenheimstandort, der sich neben der Kindertagesstätte befindet, entstehen. Das ist wichtig für stabile oder vielleicht sogar wieder einmal steigende Einwohnerzahlen.

"Der Kampf um die Selbstständigkeit von Oberwiera lohnt sich." Den Satz haben Sie vor 14 Jahren - kurz vor Ihrer Wahl zum Bürgermeister - gesagt. Ist die Aussage immer noch aktuell?

Ja. Der Kampf hat sich gelohnt. Das zeigt auch das Interesse der Bewerber vor der Bürgermeisterwahl. Die Verantwortlichen in Dresden haben den ländlichen Raum zuletzt wieder gestärkt. Trotzdem müssen wir weiter kämpfen: Vor allem für eine bessere finanzielle Ausstattung und einen Abbau der Bürokratie.

Wie sieht Ihr Zeitplan am Sonntag aus?

Ich bin am Wochenende bei einer Geburtstagsfeier in Baden-Württemberg. Deshalb habe ich - sicherheitshalber - schon per Briefwahl meine Stimme abgegeben. Ich fahre am Sonntagvormittag zurück, werde rechtzeitig wieder in Oberwiera sein, bei den Helfern im Wahllokal vorbeischauen. Das Ergebnis soll wahrscheinlich zwischen 18.30 und 19 Uhr bekannt gegeben werden. Dann wollen auch Gemeinderäte aus Oberwiera und Bürgermeister aus dem Umland vorbeischauen. Wir erwarten viele interessierte Einwohner.

Wenn kein Bewerber die absolute Mehrheit erhält, wird ein zweiter Wahlgang am 24. November erforderlich. Wer bekommt dann am Sonntagabend die (schon bestellten) Blumen?

Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Die Blumen könnten - sicherlich symbolisch - an Helfer aus dem Wahllokal übergeben werden. Ich hoffe, dass am Sonntag schon eine Entscheidung fällt.


855 Wahlberechtigte können am Sonntag im Gemeindezentrum ihre Stimme abgeben

Die Namen von drei Kandidaten stehen am Sonntag auf dem Stimmzettel in Oberwiera. Marcel Pohlers (31) zog 2015 aus dem Waldenburger Ortsteil Schwaben nach Oberwiera. Zwölf Jahre lang war er Vereinsvorsitzender des Jugendclubs in Schwaben. Holger Quellmalz (38) engagiert sich unter anderem für den Wiederaufbau des Kirchturmes in Niederwiera. Patrick Simmel (30) kehrte nach einem zwölfjährigen Dienst bei der Bundeswehr, wo er Staats- und Sozialwesen studierte, in seinen Heimatort zurück und will Verantwortung übernehmen.

855 Wahlberechtigte können am Sonntag ihre Stimme abgeben. Es gibt nur ein Wahllokal, welches sich im Erdgeschoss des Gemeindezentrums befindet und zwischen 8 und 18 Uhr geöffnet hat. Sieben Wahlhelfer sorgen für einen reibungslosen Ablauf. Das Ergebnis soll wahrscheinlich zwischen 18.30 und 19 Uhr verkündet werden.

Bei der letzten Bürgermeisterwahl, die im November 2012 stattfand, gab es nur einen Bewerber. Bernd Geringswald (CDU) erhielt damals 95,8Prozent der Stimmen. Die Wahlbeteiligung lag bei 48,6 Prozent. (hof)

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