Prozess gegen den Schläger von Schloss Osterstein

Akte Westsachsen Die "Freie Presse" blickt auf spektakuläre Verbrechen des 20. Jahrhunderts im Raum Zwickau zurück. Teil 10: Als brutaler Wachmann ging Kurt Bitterlich in die Geschichte ein.

Zwickau.

Friedrich Meier harkte lustlos einen Weg im Garten, der nicht seiner war. Er schaute zu einer kleinen Hütte, die nicht seine war. Misstrauisch beobachtete er die zunehmende Anzahl an Wanderern, die im Herbst 1947 an dem Grundstück am Stadtrand von Altenburg vorbeiliefen, das er auf der Suche nach einem Quartier leer vorgefunden hatte. Er ahnte, dass er trotz zugelegtem Vollbart, Brille aus Fensterglas und seiner Flucht aus Zwickau irgendwann entdeckt wird. Dennoch fuhr ihm der Schreck in alle Glieder, als plötzlich eine Stimme am Gartentor rief: "Sind sie das, der SS-Rottenführer Kurt Bitterlich?"

Friedrich Meier, alias Kurt Bitterlich hatte den Mann, an dessen Namen er sich nicht mehr erinnerte, sofort erkannt. Sie hatten im Schutzhaftlager Schloss Osterstein miteinander zu tun gehabt. Der Mann am Tor als Häftling und er als Aufseher. Kurt Bitterlich ahnte, dass sein Leben in Freiheit in Kürze enden würde, weil er wusste, das nach ihm gefahndet wird. Er galt als einer der berüchtigtsten Schläger im Gefängnis und er soll auch am Tod des Zwickauer Unterbezirksleiters der KPD Martin Hoop beteiligt gewesen sein.

An Flucht dachte er nicht. Wo hätte er auch hinsollen? Seine großen Nazi-Vorbilder hatten sich entweder selbst getötet oder waren über den "Römischen Weg", auch Rattenlinie genannt, unter anderem mithilfe des Vatikans nach Südamerika entkommen. Zum Selbstmord fehlte ihm der Mut und für eine Flucht nach Argentinien war er ein viel zu kleines Licht gewesen. Als am nächsten Tag zwei Polizeiautos vorfuhren, ließ er sich ohne Widerstand festnehmen. Die Fahrt endete an seiner alten Wirkungsstätte Schloss Osterstein. Allerdings betrat er das Gefängnis diesmal als Untersuchungshäftling. Für die Zwickauer begann damit eines der aufsehenerregendsten Gerichtsverfahren der Nachkriegszeit.

Der 1912 in Lauter im Erzgebirge geborene Kurt Bitterlich schwieg zunächst zu den Vorwürfen, gab lediglich zu, ab März 1933 der SS-Bewachungsmannschaft Schloss Osterstein angehört zu haben. Die Zwickauer Kriminalpolizei hatte da jedoch bereits dutzende von Zeugenaussagen gesammelt, die den gelernten Fleischer als brutalen Schläger bezeichnetn, der dem von Erwin Seidel geleiteten Rollkommando angehörte. Der damalige Insasse des Gefängnisses Bruno Sroka hat selbst gesehen, wie Häftlinge in die im Keller befindliche Zelle "00" geschleppt und nach einiger Zeit blutüberströmt herausgetragen wurden.

Bitterlich sei der aktivste unter den Schlägern gewesen. Immer wieder habe er nachts willkürlich Häftlinge aus der Zelle geholt und zugeschlagen. Auch Sroka hatte ohne Grund 30 Schläge mit dem Gummiknüppel kassiert. "Bitterlich war aufgrund seiner Brutalität gegenüber den Häftlingen ein Begriff", sagte Arthur Schmidt, der nach eigenen Angaben selbst von dem SS-Mann geschlagen wurde. Zudem gehörte Bitterlich zu der Gruppe, die nächtliche Verhöre im sogenannten Zandersaal vornahmen. Bitterlich und seine Mannschaft hatten dabei die Aufgabe, Häftlinge mit Gummiknüppel und Peitschen gefügig zu machen. "An den Schreien konnten wir erkennen, dass immer neue Torturen entwickelt wurden." Kurt Heinel sagte: "Bitterlich war einer der gefährlichsten Henkersknechte der SS-Wachmannschaft." So sei er eines Nachts im Schlafsaal erschienen und wollte wissen, wer unerlaubter Weise gesprochen habe. "Als sich keiner meldete, schlug er mir, weil ich der Tür am nächsten lag, mehrfach mit dem Gummiknüppel auf den Kopf."

Mit den Zeugenaussagen konfrontiert gab Bitterlich zu, der SS-Wache "Seidel" angehört zu haben. Er habe jedoch stets nur auf Anweisung seines direkten Vorgesetzten und des Lagerführers Launer gehandelt. Es sei üblich gewesen, neu eintreffenden Häftlingen ein Geständnis abzupressen. "Dabei haben diese bis zu 30 Schläge auf das Gesäß bekommen", sagte Bitterlich.

Der Name Martin Hoop will Bitterlich bis zur Vernehmung durch die Kriminalpolizei nicht bekannt gewesen sein. Das er an dessen Ermordung beteiligt war, bestritt der frühere SS-Wachmann. "Ich habe auch nie etwas davon gehört, dass Martin Hoop im Schloss Osterstein ermordet worden ist", sagte er aus. Dem steht unter anderem die Aussage von Albert Gräser entgegen, der in der Zelle gegenüber des KPD-Funktionärs einsaß und das Geschehen zumindest mithören konnte. "Die Misshandlungen in der Zelle des Hoop haben sich in kürzeren Abständen wiederholt", gab er zu Protokoll. Eines Abends sei Martin Hoop offenbar am Ende seiner Kräfte gewesen. "Ich hörte, wie er rief: 'Erschießt mich'. Dann fiel tatsächlich ein Schuss." Als Gräser am nächsten Morgen aus seiner Zelle geführt wurde, stand Hoops Zelle offen. "Im Vorbeigehen habe ich eine blutbefleckte Matratze gesehen", sagte Gräser. Arthur Schmidt ergänzte die Namen der Aufseher, die Martin Hoop und in derselben Nacht zwei Kommunisten aus Chemnitz in Zelle "00" erschlagen haben sollen: Seidel, Beetz, Süß und Bitterlich. Schließlich belastete auch das ehemalige Mitglied der SS-Wachmannschaft Wilhelm Spinler, der selbst zu 15 Jahren Haft verurteilt worden war, das Rollkommando schwer. Spinler hatte beobachtet wie "ein nackter toter Mensch aus dem Bade geschleift wurde". Bei näherem Hinsehen habe er Martin Hoop erkannt. Bitterlich selbst sah er dabei nicht. Er konnte jedoch nicht ausschließen, dass sich dieser noch in der Zelle befand. Die Säcke mit den drei Toten sollen nachts aus dem Gefängnis und zu den Waldteichen bei Schneeberg gebracht worden sein.

Am 17. April 1948 wurde Kurt Bitterlich von der zwölften Strafkammer am Landgericht Zwickau nach drei Verhandlungstagen wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu lebenslänglich Zuchthaus sowie zur Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Eine Beteiligung am Tod von Martin Hoop konnte ihm das Gericht nicht nachweisen. Dazu fehlte, im Gegensatz zu Seidel, Süß und Beetz, "das letzte Glied in der Beweiskette", wie es in der Urteilsbegründung hieß. Die eingelegte Revision wurde vom Oberlandesgericht verworfen. Bitterlich wurde im Frühjahr 1956 begnadigt. Allerdings wurde ihm nur die Haftstrafe erlassen. Seine Versuche, die bürgerlichen Ehrenrechte wieder zu erlangen, schlugen fehl. Er trat eine Stelle als Fleischer im Schlachthof Aue an und zog zu seiner Ex-Frau, die sich nach dem Krieg hatte scheiden lassen.

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