"Stimmung erinnert an Berg- und Talfahrt"

Die in Rom arbeitende Annett Schrank aus Glauchau über den Alltag in Krisenzeiten

Glauchau/Rom.

Annett Schrank, die aus Glauchau stammt, lebt und arbeitet seit 13 Jahren in Rom. Sie führt als "Deutsche Römerin" normalerweise Touristen durch die italienische Hauptstadt. Daran ist aktuell aufgrund der Coronakrise nicht zu denken. Holger Frenzel telefonierte mit ihr.

Freie Presse: Wie stellt sich aktuell der Alltag für Sie und ihre Familie in Rom dar?

Annett Schrank: Wir sind mittlerweile seit drei Wochen zuhause. Die Stimmung erinnert mich häufig an eine Berg- und Talfahrt. Wir schlüpfen aktuell in die Rolle der Lehrer für unsere Kinder Filippo (9) und Francesco (11). Mein Mann kocht das Mittagessen, meistens Pasta. Das ist momentan ein Luxus in Zeiten der Quarantäne, da wir im Alltag sonst nur wenig Zeit haben, gemeinsam zu essen. Wir haben einige Rituale eingeführt: Jeden Tag wird ein Song einstudiert und aufgenommen. Wenn die Hausaufgaben erledigt sind, folgt ein Brettspiel, welches täglich ein anderes Familienmitglied auswählen darf. Wir dürfen uns aktuell nur noch 200 Meter von unserer Wohnung entfernen. Radtouren und Spaziergänge sind verboten. Durch die fehlende Bewegung wird man träge.

Welche Rolle nehmen - trotz der Entfernung - aktuell Oma und Opa, die in Glauchau wohnen, für die Kinder ein?

Wir hören uns täglich. Es gibt Videokonferenzen über Whatsapp - mit meinen Eltern und meiner Schwester, die in Berlin wohnt. Wir haben zudem eine Familien-Challenge eingeführt: Jeder muss jeden Tag sein Lieblingslied singen. Das ist eine lustige Angelegenheit, lockert den Alltag auf. Der geplante Osterurlaub der Kinder bei Oma und Opa ist leider abgesagt. Es ist unsicher, wann wir uns aufgrund der Ausgangssperre wiedersehen können.

Italien und Deutschland stecken in der Coronakrise: Welche Parallelen und welche Unterschiede stellen Sie bei einem Blick auf die Entwicklung in den vergangenen Wochen fest?

In beiden Ländern fällt auf: Man hat den Ernst der Lage lange nicht erkannt und zu spät reagiert. Der Unterschied ist sicherlich: Deutschland hat ein viel besseres Gesundheitssystem. In Italien sind Kliniken schon in normalen Zeiten überfordert. Dazu kommt, dass in Italien viele Generationen von Familien unter einem Dach wohnen.

Lässt sich aktuell abschätzen, wann sie wieder mit Touristen auf Entdeckungstour durch Rom gehen können?

Mittlerweile bin ich realistisch und kann mir schwer vorstellen, dass wir vor dem Herbst wieder Kunden haben werden. Aus meiner Sicht werden die Menschen nach der Krise nicht sofort wieder anfangen, in die großen Städte zu reisen. Es wird ein Umdenken geben. Gerade Rom wird ein paar Jahre vom Massentourismus befreit sein, was auch Vorteile bringen kann. Ich hoffe, dass sich unser Konzept mit dem Motto "Rom abseits der Trampelpfade" durchsetzen kann.

Wie hat sich die Stadt in den letzten Wochen verändert?

Die Stadt ist so sauber und leer wie nie. Rom präsentiert sich als eine Geisterstadt, faszinierend und erschreckend zugleich. Das verfolge ich, da wir das Haus nicht verlassen dürfen, allerdings nur auf den Webcams.

Welche drei Lieblingsplätze, die Sie auch gern Touristen zeigen, haben Sie in Rom?

Die Hinterhöfe, die es abseits der menschenüberlaufenden Straßen gibt. Das Kolosseum, in dem ich immer noch Gänsehaut beim Betreten bekomme. Und meine Lieblings-Weinbar "Divin Ostilia". Das ist ein kleines Lokal mit fünf Tischen, wo sich Italiener treffen. Dieser Ort steht für mich für die Lebensfreude und die Geselligkeit Italiens.

Können Sie bitte noch einmal kurz schildern, wie eine (gebürtige) Meeranerin zur (deutschen) Römerin wird?

Ich bin vor 13 Jahren auf klassische Art und Weise nach Rom gekommen, da aus einem Urlaubsflirt mit dem Namen Donatello mehr geworden ist. Ich entschied mich, meine Zelte in Deutschland abzubrechen und nach Italien zu ziehen. Dort arbeitete ich zunächst für eine Touristenagentur. Ich lernte ein Jahr lang die Geschichte von Rom, eröffnete 2015 mein kleines Unternehmen mit dem Titel "Deutsche Römerin". Das Team wurde in den letzten Jahren mit weiteren Fremdenführern erweitert. hof

Livechat: Am heutigen Donnerstag ist eine Liveschaltung auf der Facebook-Seite "Deutsche Römerin" geplant. Annett Schrank lädt ab 17.30 Uhr zu einer Fragerunde ein.


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