Todesmärsche: Wer hat was gesehen?

Seit Jahren erforscht Christine Schmidt die Häftlingszüge von 1945 in Sachsen. In Glauchau gibt es noch offene Fragen.

Glauchau.

Es war der letzte Kriegstag in der Region. Gegen 14 Uhr kam ein Tross mit mehr als 1000 Gefangene auf dem Markt in Waldenburg an. Sie trugen blau-grau gestreifte Kleidung und Mützen. Vorn war die Häftlingsnummer aufgenäht. Sie kamen aus Altenburg und wurden, bewacht von SS-Mannschaften, nach Süden getrieben, bis sie an jenem 13.April in Waldenburg ankamen. Für viele Waldenburger war es die erste Begegnung mit den barbarischen Seiten des NS-Regimes", schreibt Ulrike Budig in einem Beitrag zum Kriegsende in der Stadt.

Dieser Todesmarsch der Häftlinge war damals einer von dreien, die in der Zeit vom 11. bis 13. April in der Region Meerane und Glauchau unterwegs waren. Christine Schmidt aus Breitenbrunn (Erzgebirgskreis) forscht seit mehr als 20Jahren zu diesen Todesmärschen, machte Augenzeugen ausfindig, sprach mit ihnen und vollzog verschiedenen Routen nach, auf denen die KZ-Häftlinge in jenen Apriltagen umhergetrieben wurden. Die erste Kolonne bestand hauptsächlich aus Frauen, die vom Buchenwald-Außenlager Sömmerda zunächst vom 4. April an über Naumburg, Zeitz und Meuselwitz nach Altenburg gelangten. Von dort ging es vermutlich am Abend des 11. April weiter. Der Zug machte einen Bogen um Meerane, lief auf der Hohen Straße nach Dennheritz und Mosel und kam in Schlunzig an. Wegen eines Panzerangriffs verließen die Bewacher die Frauen am 13. April bei Reinholdshain. Für sie bedeutete dies die Befreiung. "Unklar ist aber bis heute, welchen Weg die Frauen von Schlunzig nach Reinholdshain genommen haben", sagt Christine Schmidt. Sie hofft auf weitere Zeitzeugen, wenn sie am Samstag in der Kirche Wernsdorf im Rahmen eines Gedenkkonzertes einen Vortrag über die Todesmärsche hält.

Vermutlich am 12. April 1945 wurde eine zweite Kolonne, bestehend aus Häftlingen der Hasag (Rüstungskonzern Hugo Schneider AG) Altenburg, auf den Evakuierungsmarsch geschickt. Der Zug lief über Gößnitz und Meerane bis zur Autobahnbrücke Glauchau, wo er am 13.April gegen 6 Uhr ankam. Weiter ging es über Höckendorf, Gesau, Lipprandis, Weidensdorf bis Waldenburg. Dort wurden die Häftlinge durch die Amerikaner befreit. Die dritte Kolonne bestand aus Frauen des Hasag-Lagers. Sie erreichten am 13. April mittags Meerane. Nach einem Fliegerangriff wurde der Rückzug befohlen. Im Chaos kamen die Frauen in umliegenden Bauernhöfen von Pfaffroda unter.

Die Gedenktage an die Opfer des Nationalsozialismus müssen nach Ansicht des Wernsdorfer Pfarrers Marcel Lepetit mit Leben erfüllt werden. "Genau das machen wir mit unserer Veranstaltung am Samstag", fügt er hinzu. Nach dem Vortrag von Christine Schmidt über die Todesmärsche bestehe die Möglichkeit, mit der Forscherin ins Gespräch zu kommen. Vielleicht lasse sich das Gesamtbild der Todesmärsche weiter vervollständigen. Musikalisch wird der Abend von den Geschwistern Teddy und Shelly Ezra, beide spielen Klarinette, gestaltet.

Das Konzert zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus findet am 25. Januar ab 17 Uhr in der Kirche Wernsdorf statt.

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...